Salzwedel l Das Schicksal von Hans Franck und Kurt Lichtenstein dürfte vielen Westaltmärkern bekannt sein. Für sie wurden Gedenkstätten eingerichtet, die gepflegt und an denen Kränze abgelegt werden. Doch es waren viel mehr Menschen, die an der innerdeutschen Grenze in der Altmark ihr Leben lassen mussten. Sie wurden erschossen, erlagen ihren Verletzungen aufgrund von Schusswunden oder traten auf Minen, die sie tödlich verwundeten. Zwischen Oebisfelde im damaligen Kreis Klötze und Bömenzien im Kreis Osterburg waren es 20. So beispielsweise Bernhard Simon, der 1963 an der Wirler Spitze bei Ziemendorf mit seinem Bruder in den Westen flüchten wollte. Der 18-Jährige löste eine Erdmine aus. Er starb kurze Zeit später auf dem Gebiet der Bundesrepublik und wurde das erste Opfer von Bodenminen im Bezirk Magdeburg.

An Siegfried Henike erinnert eine kleine Tafel in der Wüstung Jahrsau. Nach dem Besuch einer Tanzveranstaltung am 6. Juli 1968 in Riebau kehrte der 26-Jährige nicht nach Hause zurück. Vier Wochen später wurde seine Leiche im Minenfeld in der Nähe seines Heimatdorfes Jeebel aufgefunden.

Todesumstände gedeckelt

Diese und viele weitere Biographien von Männern und Frauen, die als sogenannte Grenzgänger bis zum Bau der Mauer, Flüchtlinge, als Soldaten bei den Grenztruppen oder aus anderen Gründen im heutigen Sachsen-Anhalt an der innerdeutschen Grenze zu Tode kamen, sind Inhalt eines Forschungsprojektes der Freien Universität Berlin.

Zu DDR-Zeiten wurden die Umstände, aufgrund derer Menschen an der Grenze gewaltsam starben oder inhaftiert wurden, gedeckelt. Nichts sollte an die Öffentlichkeit dringen. Auch Angehörige erfuhren nur wenig. Meistens wurden die Opfer als Straftäter verunglimpft, erzählt Ulrich Kalmbach. Mit der Forschungsarbeit von 2017, auf deren Ergebnissen die Ausstellung basiert, ist das Geschehen umfassend betrachtet worden. Sie erfasst 68 Todesopfer des DDR-Grenzregimes im Bezirk Magdeburg sowie 31 Personen, die auf dem Gebiet des heutigen Landes Sachsen-Anhalt lebten und an der Staatsgrenze der DDR oder mit Fluchtabsicht in den sogenannten Bruderstaaten ums Leben kamen. Hinzu kommen 20 Angehörige der Grenzpolizei und der -truppen, die im Dienst getötet wurden oder aus Gründen Suizid begingen, die mit ihrem Dienst zusammenhingen. Bei vier weitere Personen stand deren Tod im Zusammenhang mit dem Grenzregime, heißt es in der Einleitung zur Studie.

Karten als Verdeutlichung

Mit Karten, Fotos und Beschreibungen wird auf den Tafeln der Wanderausstellung die Situation von damals geschildert, werden die Todesumstände dargestellt. Kreuze auf einem für Sachsen-Anhalt dargestellten Grenzverlauf dokumentieren eindringlich die hohe Zahl der Todesopfer.

„Es war nicht leicht, die Ausstellung nach Salzwedel zu bekommen“, sagt Ulrich Kalmbach. Die Museumsmitarbeiter haben sie um eine Multivisionsshow mit Fotos von noch vorhandenen Relikten der Grenze im Altmarkkreis, wie Wachtürme, Kolonnenwege, den Resten der geschleiften Dörfer Jahrsau und Grabenstedt und vorhandenen Gedenkorten ergänzt.

Vortrag und Radtour

Bis zum 31. März kann sie zu den Öffnungszeiten des Museums besichtigt werden. Am Mittwoch 4. März, wird die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Birgit Neumann-Becker, ab 17 Uhr im Saal der Musikschule einen Vortrag zur Ausstellung halten, Am Sonnabend, 28. März, startet von 10 bis 14 Uhr eine Fahrradexkursion entlang der Grenze von Salzwedel nach Jahrsau. Treffpunkt ist die Brunnenanlage am Bahnhof.