Gedenken

Autorin aus Salzwedel veröffentlicht Buch über Totenkult

Von Martin Höfig

Salzwedel/Niephagen l Taufe, Hochzeit, Tod – so sieht das Christentum, ganz grob heruntergebrochen, den Lebensweg eines Menschen vor. Dieser bleibt sozusagen unvollständig, wenn ein Mensch stirbt, bevor er eine Ehe geschlossen hat. „Diese verpasste Hochzeit wurde dann lange Zeit nachgeholt, als so genannte Himmelshochzeit“, sagt Rosemarie Leineweber. Sie ist die Autorin des gerade im Verlag tredition erschienenen Buches „Die Krone weihten tief betrübte Eltern“, in dem es um den Totenkronenbrauch und dessen Sachzeugen in Altmark und Elb-Havel-Winkel geht. Dafür hat Leineweber ein knappes Jahr lang recherchiert, Kirchen besucht und alte Dokumente gewälzt. „Es ist ein Corona-Buch“, sagt sie und meint damit die Zeitspanne, in der sie es geschrieben hat. Das Thema sei ihr im vergangenen Frühling vor die Füße gefallen, als ein Verwandter sie nach der Bedeutung zweier Schrifttafeln fragte, die er gefunden hatte. Wie sich herausstellte, gehörten diese zu zwei Schaukästen, in denen einst Totenkronen lagen.

Alle Bevölkerungsschichten

Ab dem 18. Jahrhundert stellten die Hinterbliebenen aller Bevölkerungsschichten Kronen und Kränze als Erinnerungsmale für ihre verstorbenen Kinder und ledigen Toten auf Borden und in Schaukästen in den Kirchen aus. Die gehobenen Schichten bildeten ihre ledig Verstorbenen schon ab dem 16. Jahrhundert auf Figurengrabsteinen oder auf Epitaphen mit diesen Kronen ab.

Leineweber war so interessiert an dem Thema, dass sie begann, immer weiter nachzuforschen. Dabei wendete sie sich unter anderem an das Museum für Sepulkralkultur in Kassel, das vor 20 Jahren eine Schrift zum Totenkronenbrauch herausgebracht hatte. „In der Altmark gibt es dazu bisher noch gar nichts“, erzählt die Archäologin und Historikerin. Das liege auch daran, dass viele der Stücke längst verschwunden seien, so Leineweber weiter.

Historische Bedeutung wurde oft nicht erkannt

Die Totenkronen selbst bestanden aus dünnen Ästchen oder Zweigen zum Beispiel aus Weide oder Hasel, berichtet die Autorin. Manchmal wurde auch Draht verwendet, dazu künstliche Blumen aus Seide und Papier. Und oft waren die Kronen mit brokatähnlichen Seidenschleifen verziert und dann auch auf Seide gebettet.

„Die Entschädigungszahlungen Frankreichs nach dem deutsch-französischen Krieg 1870 bis 1871 wurden oft auch zur Renovierung beziehungsweise zum Neubau von Kirchen im deutschen Reich genutzt und dabei sind eben viele der Totenkronenaltare abhandengekommen“, erläutert die 70-Jährige. Und auch heute verschwänden noch etliche Kränze und Kronen, weil deren historische Bedeutung oft gar nicht erkannt würde. „Deshalb habe ich dieses Buch gemacht“, stemmt sich Leineweber gegen das Vergessen.

180 Schicksale beschrieben

Unterstützt wurde sie dabei von dem Stendaler Genealogen Dieter Fettback und dem Salzwedeler Mediziner Gerhard Ruff. Somit werden in dem Buch also auch die Familiengeschichten der Verstorbenen sowie die möglichen Todesursachen der jungen Menschen und Kinder rekonstruiert. Insgesamt beschreiben Leineweber und ihre beiden Co-Autoren circa 180 in der Region noch vorhandene Objekte beziehungsweise begeben sich auf deren Spuren.

Bebildert ist das Buch mit eindrucksvollen Fotos von Totenkronen und –kränzen sowie von Epitaphen und Figurengrabsteinen, durch die man sich umso mehr in die Zeit dieser Erinnerungskultur hineinversetzen kann – die es übrigens auch in anderen Teilen der (christlichen) Welt gab und wohl zum Teil noch gibt.

„Interessant ist auch, dass diese nachgeholten Hochzeiten zum Teil als richtige Feiern zelebriert wurden – mit Essen, Trinken und Tanz“, ist die 70-Jährige fasziniert. Überhaupt sei es für sie sehr berührend, „wie tief der Glaube der Menschen damals war, dass das verstorbene Kind durch die Himmelshochzeit gerettet würde.“