Diesdorf/Braunschweig l „Mein Professor hat gesagt, ,das schaffst du nie‘“, erzählt Lisa Feige rückblickend. Und doch hat sie es geschafft, sich innerhalb von nur sechs Unterrichtsstunden die Sütterlin-Schrift so anzueignen, dass sie diese zum Schreiben ihrer Bachelor-Arbeit nutzen konnte.

Die 25-Jährige, die aus Magdeburg stammt, hat visuelle Kommunikation an der Hochschule für bildende Künste in Braunschweig studiert. „Im Wintersemester 2018/19 stand das Thema Heimat 2.0 im Mittelpunkt“, erinnert sich die junge Frau. Da habe ihr ihre Mutti erzählt, dass es noch Dokumente ihres Urgroßvaters Anton Hofmann gebe, aufbewahrt in einem Koffer. Das weckte die Neugier von Lisa Feige. Doch für eine Arbeit zwischendurch sei der Nachlass zu umfangreich. Eine Idee war geboren: Sie passte gut für die noch zu schreibende Bachelor-Arbeit. Aber die Briefe und weitere Schreiben waren in Sütterlin, einer von 1915 bis 1940 in Schulen verwendeten Schreibschrift, verfasst. Und das konnte die Studentin nicht lesen.

Beim Zeitunglesen den Kurs entdeckt

„Als ich bei meiner Oma in Gardelegen war, bin ich beim Zeitunglesen auf einen Sütterlin-Kurs in der Volkshochschule in Salzwedel aufmerksam geworden“, erinnert sich die 25-Jährige. Von Braunschweig war das ganz schön weit entfernt. Bei der Suche nach nähergelegenen Angeboten im Netz wurde sie nicht fündig: „Nur in Hamburg und Heidelberg gab es welche.“ Also Kontaktaufnahme mit dem Anbieter in Salzwedel und Aufnahme auf die Warteliste. Doch ewig Zeit hatte sie nicht mehr für ihre Bachelorarbeit. „Die Schule hat mir auf meine Bitte hin den Kontakt mit dem Referenten vermittelt. Herr Klaas sagte mir am Telefon, dass ich schon irgendwie reinrutschen könne“, ist sie für das Entgegenkommen sehr dankbar. „Frau Feige war eine sehr fleißige Schülerin“, erinnert sich der Diesdorfer, der vom Vorhaben der Studentin wusste. Deshalb habe er ihr einige Extra-Tipps gegeben.

Bilder

Nach dem Kurs konnte Lisa Feige die Briefe ohne Probleme entziffern. „Den geschilderten Hunger während der Kriegszeit konnte ich nicht nachempfinden“, gesteht sie. Es habe sie jedoch traurig gemacht, dass die Familie drei, vier Jahre nicht wusste, ob Angehörige noch leben würden.

Übersetzung angefertigt

Sie dachte sich ein fiktives Tagebuch aus, das auf dem Überlieferten beruht. Und sie schrieb es per Hand in Sütterlin. Das Zeitfenster war knapp: Nur neun Wochen hatte sie zur Verfügung. In einem zweiten Buch hat sie die Übersetzung in deutscher Schrift niedergeschrieben und Dokumente beigefügt, die das Erzählte belegen. „Meine Mutti und meine Tante waren sehr gespannt, wie ich das aufarbeite“, sagt Lisa Feige. Denn sie hatten noch nicht die Zeit, sich mit den Briefen zu beschäftigen. „Da gibt es mittlerweile noch einen weiteren Koffer voller Erinnerungen“, schildert die Studentin.

Ihre Bücher habe sie selbst gebunden, sei sozusagen in die Fußstapfen ihres Urgroßvaters getreten. Denn dieser sei Buchbinder gewesen.

Schreiben wird weiter geübt

„Ich bin Herrn Klaas sehr dankbar, dass ich bei ihm Sütterlin lernen konnte“, sagt sie. Den Einkaufszettel schreibe sie noch so, fügt die junge Frau schmunzelnd hinzu. Sonst verlerne man es wieder.

Nach dem Studium – die Benotung der Bachelor-Arbeit mit dem Titel „Liebe Familie Hofmann – Eine Fluchtgeschichte erzählt aus Briefen“ steht noch aus – würde sie gern in einem Museum oder bei einer Zeitung arbeiten. „Ich habe Spaß an der Schrift, Lust aufs Gestalten von Flyern und Plakaten. Ich weiß noch nicht, wo es mich hintreibt“, sagt die 25-Jährige. Sicher ist jedoch, dass sie gern noch mehr über Anton Hofmann erfahren möchte.