Salzwedel/Berlin l Das also soll sie sein, die legendäre Kneipe, in der DDR-Liedermacher Reinhard Lakomy seine wilden Jahre verbracht hat. Ältere kennen das Lied noch: In „Heute bin ich allein“, erzählt der Sänger vom freien Tag eines jung verheirateten Mannes: „Heute gehen wir alle in die Böse Buben Bar, und dann bestellen wir uns ein riesengroßes Fass“, heißt es darin.

Es sind Zeilen, die die Berliner Kneipe nicht nur unter Lakomy-Fans zum Inbegriff des DDR-Studentenlebens erhoben haben. Was für Zeiten, was für ein abgefahrener Schuppen muss das im grauen Ostberlin der 70er gewesen sein!

Meine Verabredung mit der Böse Buben Bar von heute beginnt allerdings mit einer Enttäuschung: Ich könne gern vorbeikommen, er werde zu 80 Prozent da sein, hatte mich der Besitzer am Telefon wissen lassen. Als ich in der Kneipe hinterm S-Bahnhof Friedrichstraße ankomme, steht fest: Die 20 Prozent Restwahrscheinlichkeit fordern ihr Recht.

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Der leidlich freundliche Kellner weiß von nichts. Ich nehme es hin, bestelle einen Milchkaffee, starre in den Raum. Ich bin hergekommen, um herauszufinden, ob diese Bar, die ich von früheren Berlin-Besuchen kenne, tatsächlich die aus dem Lied ist. Doch daraus wird wohl nichts.

Über Prag in die BRD

Meine Kaffeetasse ist fast leer, ich habe mich schon damit abgefunden, dass die Geschichte dieser Kneipe ein Rätsel bleiben wird, da taucht plötzlich eine gut aussehende Mittvierzigerin aus der Küche auf. Sie serviert meiner Nachbarin zwei Bockwürstchen mit Weißbrot. Meine letzte Chance: „Können Sie mir vielleicht ein wenig über diese Bar erzählen“, frage ich. Sie zögert nur kurz. Und ob sie kann!

Sie, das ist – wie sich herausstellt – Beatrix Reuter, die Frau von Mathias Reuter, dem Inhaber der Böse Buben Bar. Doch nicht nur das. Die beiden kommen auch noch aus der westlichen Altmark! Mathias Reuter aus Arendsee, Beatrix aus Salzwedel. Volltreffer also!

Mathias habe sie damals in der Burgstraße angesprochen, erzählt Beatrix Reuter, die sich inzwischen mit einem Glas Saft an den Nachbartisch gesetzt hat. Die beiden Altmärker haben in der Tat bewegte Zeiten hinter sich. Noch im Herbst 1989 flieht Mathias Reuter über die Prager Botschaft in den Westen. In Hannover findet das Paar vorläufig eine neue Heimat. Später kehren sie zurück in den Osten, nach Berlin, steigen in die Gastronomie ein.

Fest steht, die Kneipe, die die Altmärker hier aufgebaut haben, hat auch heute einen eigenen Charme. Urig wirkt alles hier drinnen. Kerzen tauchen den Raum in gedämpftes Licht, Regale vollgestellt mit alten Büchern bilden die Wände. Stühle, die aus Großmutters Stube stammen könnten, drängen sich um kleine Holztische. Von den wilden Partys, die ich hier zumindest für DDR-Zeiten vermutet hatte, ist trotzdem wenig zu sehen. Selbst vom großen Bierfass aus dem Lied von Lakomy fehlt jede Spur.

Wäre da nicht das silbergerahmte Foto von Lakomy in der Ecke hinter dem Tresen, man könnte meinen, die gemütliche Böse Buben Bar in der Berliner Marienstraße von heute hätte mit der wilden Kneipe aus dem Lakomy-Lied nichts zu tun.

Lakomy bei der Eröffnung

In mir steigt ein Verdacht auf: Habt ihr die Böse Buben Bar also nach der Wende übernommen, frage ich Beatrix. Die nimmt mir auch den Rest meiner Illusionen: „Nein, wir haben die Bar im Jahr 2000 gegründet“, erzählt sie. Ja, und Reinhard Lakomy? Der war nur der Ideengeber, sagt Beatrix.

Damals kurz nach der Gründung hätten sie und ein paar Freunde auf der Suche nach einem passenden Namen für die Bar die alten Ostrockplatten aufgelegt. Zwischen Puhdys, Karat und City hatte sich irgendwie auch das Album des Magdeburger Liedermachers geschummelt. „Heute gehen wir in die Böse Buben Bar“, das passte einfach perfekt, erzählt Beatrix und lacht.

Die Böse Buben Bar ist also nicht die aus dem Lied. Und doch ist der Name mehr als nur ein PR-Trick: „Die Lakomys waren zur Eröffnung da“, erzählt mir die Salzwedelerin. Und noch heute veranstaltet Monika Lakomy, Gattin des vor drei Jahren verstorbenen Barden, hier regelmäßig Autoren-Lesungen.

Einmal im Monat gibt es Konzerte mit jungen Bands. „In einem Viertel der Besserverdiener sitzen hier noch ehemalige Bewohner der Straße im Blaumann am Tresen“, sagt Beatrix. Sie lässt keine Zweifel zu. Sie ist stolz auf diese Bar. Stolz darauf, mit ihrem Mann ein Stück vom verrückten und ungeordneten Berlin der Wendezeit hinübergerettet zu haben – in eine Gegenwart, in der sich auch hier die Herrschaft des Geldes durchgesetzt hat.

Bevor ich gehe, kommt Beatrix doch noch mal auf Reinhard Lakomy zurück: Die Böse Buben Bar aus dem Lied hat es gegeben, sagt sie. In den Siebzigern, oben in der Schönhauser Allee. Lakomy soll sich dort häufiger mal die Kante gegeben haben. Was aus dem Gebäude geworden ist, müsste Monika Lakomy wissen. Sie könne mir den Kontakt besorgen, wenn ich will. „Ein anderes Mal“, sage ich. Irgendwie gefällt mir diese Böse Buben Bar inzwischen doch ganz gut.