Salzwedel l „Sie lebte in den Tag hinein.“ Das sagt Kathrin Klähn, Salzwedeler Kita-Leiterin und Mutter von drei Kindern, über ihre neunjährige Tochter. Das Thema Depressionen beziehungsweise psychische Auffälligkeiten während des Lockdowns würde kaum in der Öffentlichkeit thematisiert. „Wer will das schon über sein Kind sagen?“ Doch aus ihrer Sicht sei die Zeit dafür längst überfällig. Eine Gefahr von bleibenden Schäden existiere durchaus.

Seit etwa zwei Wochen würde ihre Tochter die Notbetreuung in einer Schule wahrnehmen. Damit habe sich ihr Gemütszustand auch sehr verbessert. Doch davor machte sich Kathrin Klähn große Sorgen um ihr Kind. „Sie war völlig antriebs- und lustlos.“ Das habe schon mit dem Aufstehen am Morgen begonnen. Denn plötzlich sei ihre Tochter länger liegengeblieben. „Sie hat ihren Schlafanzug schon gar nicht mehr ausgezogen.“ Smartphone und TV, mehr Interessen habe sie nicht mehr gehabt. Und gesprochen habe die Neunjährige genauso wenig darüber. „Sie frisst es in sich rein.“

Grundstimmung depressiv

„Ich habe sie irgendwann wieder ans Zähneputzen erinnern müssen.“ Die Hygiene sei auf der Strecke geblieben. „Ich musste ihr sagen: Geh bitte duschen, wasche deine Haare.“ Es sei nicht einfach mit ihr gewesen. „Ihre Grundstimmung war depressiv.“

Wenn Klähn von der Arbeit nach Hause kam, hieß es, die Aufgaben der Schule abzuarbeiten. „Das war kaum noch möglich.“ Die Neunjährige habe keine Motivation mehr gehabt, die Merkfähigkeit sei gegen Null gegangen, die Leistungen fielen ab. Da sei die Entscheidung gefallen: Ihre Tochter musste wieder zur Notbetreuung. „Da wir systemrelevante Berufe haben, ging das unkompliziert.“ Bei anderen Familien sei das aber nicht der Fall, die Probleme bleiben.

Mit Eltern gesprochen

Ihre Tochter, die anfangs nicht zur Schule wollte, kam am ersten Tag schon wesentlich frischer zurück. „Es sind die Sozialkontakte“, weiß die Kita-Leiterin. Die Familien würden Tag für Tag „aufeinanderhocken“, die Abwechslung für die Kinder fehle. „Das trifft bei vielen zu, ich habe mit Eltern darüber gesprochen.“

Mit den Folgen und wie sich die Pandemie auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen auswirkt, hat sich das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) in der Cospy-Studie (Corona und Psyche), geleitet von Frau Prof. Dr. Ravens-Sieberer, wissenschaftlich auseinandergesetzt. Das Ergebnis kurz und knapp: Die psychische Gesundheit von Kindern während der Corona-Pandemie habe sich verschlechtert.

Umfangreiche Online-Befragung

„In der bundesweiten Cospy-Studie wurde von Mai bis Juni 2020 eine umfangreiche Online-Befragung zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen und ihren Familien in Deutschland durchgeführt“, heißt es dazu vom UKE. In einer repräsentativen Stichprobe seien Daten von mehr als 1000 Kindern und Jugendlichen im Alter von 11 bis 17 Jahren sowie 1500 Eltern von 7- bis 17-Jährigen erfasst worden.

In einer Pressemitteilung des Fachklinikums Uchtspringe, in der die Cospy-Studie Erwähnung findet, kommt auch Dr. Ute Ebersbach, Chefärztin der Klinik II für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychosomatik und Psychotherapie, diesbezüglich zu Wort: „Die Pandemie ist eine seelische Belastung.“ Die Kinder- und Jugendpsychiaterin empfiehlt, sich an lokalen Medien zu orientieren und darauf zu achten, woher Kinder und Jugendliche ihre Informationen beziehen.

Kindgerechte Medien

„Unbesprochener Medienkonsum ist schädigend“, sagt sie. Eltern und Kinder sollten dahingehend die gleichen Medien konsumieren und im Anschluss darüber sprechen. Kleine Kinder sollten gar keinen freien Zugang zur Informationsflut bekommen und vielmehr mit ihren Eltern kuscheln. Wenn Medien, dann kindgerechte, so die Psychiaterin weiter.

Die Kinderbücher „Corona und der Elefantenabstand“, „Conni macht Mut in Zeiten von Corona“ oder „Ein Corona-Regenbogen für Anna und Moritz“ werden zum Beispiel von der Fachklinik als Lesestoff empfohlen.

Bewegung motiviert

Und wenn der Besuch von Oma und Opa ausfallen müsse, um sie zu schützen, würden Eltern und Kinder gemeinsam etwas für sie backen und basteln können, ein Päckchen für sie packen und sich zu einer Videokonferenz am Computer verabreden, heißt es in der Pressemitteilung der Klinik in Uchtspringe. Raus in die Natur und Bewegung seien ebenfalls in dem Zusammenhang motivierend, wenn schon das Toben mit den Freunden fehlt.

„Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche immer Ansprechpartner für ihre Sorgen und Ängste haben“, so Dr. Ebersbach. Das seien in erster Linie die Eltern.

Sprösslinge beobachten

Diese sollten ihre Sprösslinge intensiv beobachten und auf ungewöhnliches Verhalten sensibel reagieren.

So wie im Fall der Kita-Leiterin Kathrin Klähn. Indikatoren seien Ängstlichkeit, Aufregung, anhaltende Unruhe, Konzentrations-, Schlafstörungen, Trauer, Reizbarkeit und Aggressivität. Ebenso häufig Kopf- oder Bauchschmerzen und Übelkeit. „Fragen Sie ihre Kinder, was bei ihnen gerade los ist“, so Ebersbach. Alles in einem ruhigen, kindgerechten und sachlichen Ton.

Die Salzwedelerin Kathrin Klähn appelliert indes an die Politik, die Auswirkungen auf die Kinder abzufedern beziehungsweise die Betreuungssituation zu überdenken: „Die Kinder brauchen ihre Sozialkontakte.“ Mit Freunden spielen und die Welt entdecken.

Mittlerweile sei eine Grenze überschritten, die Folgeschäden für Kinder kaum absehbar. „Es muss gehandelt werden“, fordert die Mutter dreier Kinder.