Salzwedel l Immer achtsam sein, dazu ein sehr strukturierter Tagesablauf, der wenig Freiräume lässt: Damit lebt Kathrin Kaiser schon seit 27 Jahren. 1993 brachte sie ihre Zwillinge zur Welt, allerdings schon im sechsten Monat. Das Töchterchen überlebte nicht. Söhnchen Lukas hatte Gehirnblutungen. Die Ärzte gaben ihr mit auf den Weg, dass der Kleine immer mehr Betreuung benötige als andere Kinder. Mehr sagten sie nicht. „Ich dachte, das wird mein Frühchen schon alles mit der Zeit aufholen“, erinnert sich die Salzwedelerin.

Doch im Laufe der Jahre, häppchenweise, bemerkte sie, mit welchen Handicaps ihr „Luki“ zu kämpfen hat: Er kann nicht sehen, sehr wenig hören, nicht sprechen, nicht laufen, hat autistische Züge. „Es war nicht leicht, das zu verstehen. Doch ich habe das Leben mit meinem besonderen Sohn angenommen“, sagt Kathrin Kaiser.

Betreuung in Halberstadt

Lukas wird jetzt in der Woche im Cecilienstift Halberstadt liebevoll betreut. Vormittags geht er dort „zur Arbeit“, erzählt seine Mutti. Mit verschiedenen Übungen werden die Sinne, die noch vorhanden sind, gefördert. „Mittags ist er kaputt, entspannt in seinem Zimmer, hört gern Musik. Er ist aber auch im Haus oder im Garten mit seinem Rollstuhl unterwegs“, schildert die Salzwedelerin.

Freitags wird er nach Hause gefahren, genießt das Wochenende mit seiner Familie, bevor es wieder zur „Arbeit“ geht. Doch diesen Rhythmus hat die Corona-Pandemie aus dem Lot gebracht. „Seit zehn Wochen haben wir uns nicht gesehen“, sagt die Salzwedelerin leise. Sie fügt hinzu: „Ich weiß nicht, was Luki denkt. Versteht er, was los ist? Ist er todunglücklich? Glaubt er, wir wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben?“ Die Salzwedelerin hat Angst vor den Nachschäden durch die vom Virus verursachte lange Trennungszeit.

Heimfahrt mit Sondergenehmigung

Jetzt bestehe zwar die Chance auf eine Stunde Besuchszeit, mit Mundschutz und Abstand. „Doch ich denke, das bringt meinen Sohn noch mehr durcheinander, wenn wir kurz da sind und ihn nicht mitnehmen. Zumal er das Mama-Kuscheln braucht“, überlegt Kathrin Kaiser laut. Ein Schicksal, das sie in dieser schwierigen Zeit sicher mit anderen pflegenden Angehörigen teilt. Nun fiebert sie Pfingsten entgegen: Ihr Sohn darf endlich nach Hause – mit Sondergenehmigung. „Dann bleibt Luki 14 Tage bei uns. Ich möchte das nachholen, was ich ihm während der vergangenen Wochen nicht geben konnte“, blickt die Physiotherapeutin optimistisch voraus, die für ihren Wunsch Rückhalt von ihrer Chefin bekommt. „Wir werden mit Lukas dann die neue Sitzecke im Garten einweihen“, benennt sie schon ein konkretes Vorhaben.

Dann wird sie sich gern auch wieder mit der Techno-Musik von Scooter arrangieren, die ihr Lukas abgöttisch liebt. „Er spürt die Bässe über die Haut. Das tut ihm gut“, beschreibt sie. Und abends wird eine Vogelstimmen-CD dafür sorgen, dass ihr Sohn entspannt einschlummert. „Dadurch habe ich die Stimmen der Vögel kennengelernt, freue mich mit Luki an den Klängen, wenn wir spazieren gehen“, sagt die Salzwedelerin. Sie möchte ihrem Sohn erzählen, was sie macht, was sie denkt, was sie vorhaben. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass er mehr mitbekommt, als wir es uns vorstellen können.“ Wenn ihr Lukas grient, weiß sie, dass er sich freut. Hält er sich die Ohren zu, dann passt ihm etwas nicht. Für sie ist es spannend, hinter das Geheimnis der Regungen zu kommen.

Normale Dinge erleben

Mit ihrem Sohn auch mal essen gehen, ganz normale Dinge des Lebens erleben, das ist ihr wichtig, auch wenn mancher Mitmensch „komisch guckt“. Und wer etwas wissen möchte, dem beantwortet sie gern Fragen. Kathrin Kaiser ist glücklich, dass sie seit 20 Jahren mit ihrem Lebenspartner Daniel eine prima Unterstützung beim Bewältigen des nicht so leichten Lebensalltages an ihrer Seite hat.

Sie hofft, dass es auch in diesem Jahr mit dem Ostsee-Urlaub klappt. „Wir wollen Luki die ganze Ostsee zeigen, immer von anderen Orten aus“, sagt die Salzwedelerin. Ihr Sohn erdet sie, holt sie mit seinem Anderssein auf den Boden der Tatsachen zurück. Eine Besonderheit, die sie zu schätzen gelernt hat. Denn irgendwie sei dadurch das Leben mit seinen besonderen Kleinigkeiten viel wertvoller.