Salzwedel l Wenn ein Stadtratsmitglied – Anfang 30 – von einem anderen im Alter jenseits der 60 Jahre mit „mein guter Junge“ angesprochen wird, klingt das eher despektierlich als wohlmeinend. Andererseits kann die forsche Ausdrucksweise der Jüngeren von den Älteren als anmaßend empfunden werden. Eines ist in den Sitzungen seit der Kommunalwahl im Mai 2019 aufgefallen: Die Neuen im Stadtrat haben es nicht leicht, mit ihren Ideen Gehör zu finden. Unabhängig davon, ob sie umzusetzen sind oder aufgrund von Haushaltszwängen scheitern.

Freie Fraktion

Das sieht auch Nils Krümmel von der Freien Fraktion so. „Wir haben, zusammen mit den berufenen Bürgern, einen tollen Mix aus Jung und Alt gefunden“, sagt er. Sicher gebe es Meinungsverschiedenheiten und unterschiedliche Betrachtungsweisen zwischen Alt und Jung. Priorität habe jedoch immer der respektvolle Umgang miteinander. „Das ist im Stadtrat nicht ganz so. Wenn mal eine Meinung nicht ganz so gefällt, ist es oft der Tonfall, der den Respekt vermissen lässt“, schätzt er ein.

Land bis Stadt

Der Eindruck nach außen könne möglicherweise so sein, räumt Wolfgang Kappler, Land bis Stadt, ein. „So ist es aber aus unserer Sicht nicht. Es gab immer Generationskonflikte. Diese wird es auch künftig geben“, sagt er. Die Diskussionskultur bedürfe in und mit seiner Fraktion keiner Änderung, „denn wir beziehen Jung und Alt angemessen ein“. Eine freie uneingeschränkte Meinungsbekundung sei die Grundlage der Zusammenarbeit in der Fraktion sowie in den Ausschüssen und im Stadtrat. Kappler: „Zuhören und Kompromisse finden ist auch eine Form der Akzeptanz“.

SPD

Die SPD arbeite in der Fraktion intensiv mit jungen Leuten zusammen und wisse ihr Engagement zu schätzen, erklärt Fraktionschef Norbert Hundt. Dabei würden Themen sachlich besprochen. Das könne durchaus auch einmal kontrovers sein. Norbert Hundt: „Die Atmosphäre ist trotzdem angenehm und zielführend, weil wir Argumente austauschen.“ Er vergleicht das Ganze mit einer Familie, in der es unter den Generationen unterschiedliche Meinungen gebe und geben müsse. Wichtig seien Zeichen der gegenseitigen Achtung. Das gelte für Jung und Alt, aber auch für die Fraktionen als Ganzes. Hundt: „Wenn wir nicht in der Lage sind, kontrovers zu diskutieren, werden wir Stillstand erleben.“ Das sei auch der Grund, warum die Sozialdemokraten junge beratende Mitglieder zu den Fraktionssitzungen einladen.

CDU

Eine lebendige Diskussionskultur in der Sache diene der Meinungsfindung und sei ein demokratischer Akt, meint Peter Fernitz (CDU). Aber: „Ein respektvoller Umgang miteinander ist Voraussetzung für eine konstruktive Zusammenarbeit“, betont er. Er halte es für außerordentlich wichtig, dass „eine gesunde Mischung“ von älteren und jüngeren Mandatsträgern im Stadtrat vertreten ist. Fernitz: „Ich erwarte aber von neu gewählten Ratsmitgliedern, dass man sich mit der Geschäftsordnung vertraut macht.“

Grüne

„Als Stadträtin und Stadtrat hat man sich für dieses Mandat zur Wahl gestellt, um an einer attraktiven und lebenswerten Zukunft für Salzwedel mitgestalten zu wollen“, sagt Martin Schulz, Fraktionschef von Bündnis 90/Die Grünen. Dies sollte aus seiner Sicht der kleinste gemeinsame Nenner für alle Mitglieder des Stadtrats sein, um konstruktiv und sachlich miteinander zu arbeiten.

Die Linke

Die Mischung aus erfahrenen Kommunalpolitikern und neu dazu gekommenen habe sich auf Aktivitäten ihrer Fraktion positiv ausgewirkt, sagt Ute Brunsch (Die Linke). Allerdings sei es für die älteren Fraktionsmitglieder manchmal schwierig, „über ihren eigenen Schatten zu springen“. Auch im Stadtrat könnte es positive Ergebnisse geben, wenn die Zusammenarbeit auf Grundlage gegenseitiger Achtung erfolgen würde. Das setze voraus, dass einerseits die jüngeren Mitglieder die Lebenserfahrung und meist tiefere Kenntnisse der Älteren in kommunalpolitischen Abläufen anerkennen. Andererseits müssten sich die langjährig tätigen Stadträte von teils eingefahrenen Gleisen verabschieden und frischen Ideen aufgeschlossener gegenübertreten. Vorschläge dürften nicht gleich zu Beginn der Diskussion erstickt werden, sondern sollten den Weg in die Ausschüsse und zur Verwaltung finden.

Alle müssten akzeptieren, dass die Widerspieglung der gesellschaftlichen Gegebenheiten in den Generationen teils unterschiedlich erfolgt. „Ich möchte aber darauf hinweisen, dass die auftretenden Probleme in der Diskussionskultur im Stadtrat nicht ursächlich durch das Verhältnis zwischen Jung und Alt geprägt sind“, sagt sie.

AfD

AfD-Fraktionsvorsitzender Hanns-Michael Kochanowski will sich gegenüber der Volksstimme nicht äußern.