Salzwedel l Es ist ein ganz normaler Morgen, als Harald D. (Name geändert) nach seinen Rindern schaut. Alles scheint wie immer zu sein. Doch plötzlich reißt sich eine junge Färse aus dem Kopfhalter los. „Sie ist dann sofort über eine Absperrung gesprungen. So schnell konnten wir gar nicht gucken“, berichtet der Landwirt aus einem Salzwedeler Ortsteil im Gespräch mit der Volksstimme.

Nur wenige Augenblicke später hat das Tier im Galopp den Hof verlassen. Der Landwirt nimmt die Verfolgung auf. „Ich habe gleich einen Jäger dazu geholt, denn das Rind ist komplett durchgegangen und stellte eine Gefahr dar“, sagt Harald. D. Um 10.36 Uhr wählt er die 110. Doch von der Vermittlung der Polizei in Magdeburg wird ihm gesagt, dass die Polizei in diesem Fall nicht zuständig sei.

„Ich wollte eigentlich nur, dass Polizisten schnell zu uns kommen und feststellen, dass Gefahr im Verzug ist. Dann hätte der Jäger das Rind auf der Wiese oder im Schilf erlegen können. Doch leider ist das nicht passiert“, bedauert der Landwirt.

Polizei weist Vorwurf zurück

Den Vorwurf, die Polizei trage eine Mitschuld daran, dass das Rind es bis in die Innenstadt geschafft habe, weist Frank Semisch, Pressebeauftragter des Polizeireviers Altmarkkreis Salzwedel, zurück. Nachdem die Nachricht des entflohenen Tieres im Polizeirevier angekommen sei, habe man Kontakt mit dem in diesem Fall zuständigen Ordnungsamt der Stadt aufgenommen. „Um 12.15 Uhr erhielten wir die Information, dass das Tier mittlerweile am Chemiewerk sein soll. Da sind unsere Einsatzkräfte dann sofort ausgerückt“, so Frank Semisch.

In einem Punkt sind sich der Polizist und der Landwirt allerdings einig: Für die Passanten war die Situation zu dieser Zeit äußerst gefährlich. „Das Tier war sehr aggressiv. Es ist ein Wunder, dass nichts passiert ist. Die Frau, die die Färse mit einer Möhre füttern wollte, hat sich in absolute Lebensgefahr begeben“, schildert Harald D.

Abschussgenehmigung erwirkt

Die Färse gelangt schließlich über die Sankt-Ilsen-Straße und den Parkplatz der Volksbank in den Lohteich. Von dort läuft es über die Burgstraße und wird schließlich hinter das Kunsthaus getrieben. Die Verfolgungsjagd endet letztendlich im Burggarten, wo das Tier gestellt werden kann. Harald D. hat in der Zwischenzeit das städtische Ordnungsamt erreicht, das sofort reagiert und Kontakt zur unteren Waffenbehörde des Altmarkkreises Salzwedel aufnimmt, um eine Abschussgenehmigung zu erwirken.

„Das Rind war Menschen nicht gewohnt und reagierte sehr aggressiv. Es bestand eine konkrete Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung, sodass letztendlich der Abschuss das einzige wirksame Mittel zur Beseitigung der Gefahr war“, bestätigt Amanda Hasenfusz vom Presseteam des Altmarkkreises Salzwedel gegenüber der Volksstimme.

Das sieht auch Harald D. so. In seinen 25 Jahren als Rinderzüchter habe er außer am Montag nur einmal eine vergleichbare Situation erlebt. Damals war eine Kuh durchgegangen. „Wir haben versucht, sie zu betäuben. Aber sie war so voller Adrenalin, dass das Betäubungsmittel gar nicht gewirkt hat. Schließlich mussten wir sie erschießen lassen“, berichtet der Landwirt. Zur Situation am Montag sagt er: „Für das Tier war es das Beste.“

Tiere sind wild

Bei der Färse habe es sich um ein Angus-Rind gehandelt, das Harald D. vom Müritz-Nationalpark gekauft hatte. „Dort holen wir alle unsere Rinder her, die wir zukaufen. Die Tiere kennen keinen Stall und sind wild.“ Genau das sei aber von den Kunden zunehmend gewünscht. Die Angus-Rinder werden von Harald D. 15 bis 16 Monate gemästet und dann verkauft. Das Fleisch landet später unter anderem in den Regalen von Edeka.

Den ihm entstandenen Schaden beziffert der Landwirt auf zirka 1500 Euro. Eine Versicherung für das Rind hatte er nicht abgeschlossen. Das Fleisch konnte nicht mehr verwendet werden.