Salzwedel l Er ist Dirigent, Komponist, Pianist und Intendant. Seine Vita liest sich wie ein Erdkundeatlas, denn bislang hat er fast in 40 Ländern gearbeitet, sich internationales Renommee erworben, sein Name hat in der Musikwelt einen sehr guten Klang: Reinhard Seehafer, Intendant der Altmark Festspiele, feiert heute seinen 60. Geburtstag.

Geboren wurde er in Magdeburg, aufgewachsen ist Seehafer in Barleben. Seine Ausflüge aufs Land führten ihn immer wieder in die Altmark, die für ihn „vertrautes Gelände“ ist. Und das auch, weil die Altmark „eine unglaubliche Historie“ hat. Seehafer nennt dafür beispielsweise Bismarck oder das Geschlecht derer von der Schulenburg. Es sei einfach „interessanter, Kultur mit den Altmark Festspielen zu machen, als mit einem Orchester immer das Gleiche zu machen“. Zudem ist er der festen Überzeugung, dass Kultur in Deutschland „nicht nur in den urbanen Brennpunkten stattfinden sollte, sondern dass wir verpflichtet sind, Kultur dahin zu bringen, wo die Menschen außerhalb der großen Zentren wohnen“.

Mit Blick auf die Altmark Festspiele, deren Intendant er seit 2014 ist, gibt sich Seehafer bescheiden. Schließlich stecke man noch in den Kinderschuhen. Doch das Musikfestival findet immer mehr Beachtung – beim Publikum und den Künstlern. Das liegt vielleicht auch daran, dass das Festival nicht dazu da ist, die Karriere irgendeines Künstler zu fördern. Vor allem in dieser Richtung hat Seehafer ein Umdenken festgestellt. Der persönliche Kontakt spiele eine immer wichtigere Rolle – ebenso der Wohlfühlfaktor. „Wenn die Künstler merken, dass sie gut betreut werden, bei den Konzerte eine entspannte Atmosphäre herrscht, dann kommen sie auch gerne.“

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Nach dem Debüt sofort verpflichtet

Ein Punkt, den Seehafer vermutlich auch am eigenen Leib erfahren hat. Nach seinem Dirigierstudium bei Kurt Masur und Rolf Reuter an den Musikhochschulen in Leipzig und Weimar sowie Studien bei Otmar Suitner, debütierte er im Alter von 23 Jahren an der Komischen Oper Berlin mit Puccinis „Madame Butterfly“, wo man ihn sofort an das Haus verpflichtete.

Leonard Bernstein, der am 25. August 100 Jahre alt geworden wäre, traf Seehafer 1987 bei dessen DDR-Tournee in Ost-Berlin. Damals war Seehafer Leiter des Jugendorchesters der Ostdeutschen Musikschulen. Auf gut Glück lud er Bernstein über dessen Management zu den Proben ein – und Bernstein kam, setzte sich ins Publikum und blieb den Nachmittag. Für Seehafer war Bernstein ein Vorbild, ein sehr vielfältiger und vielschichtiger Mann. „Er war kein eitler Mensch, sah sich in erster Linie als Komponist“, erzählt Seehafer. Bernstein habe sehr darunter gelitten, dass die Menschen nur die West Side Story kannten, seine anderen Kompositionen aber eher nicht.

Seehafers Karriere führte über zahlreiche Stationen. Als Opern- und Konzertdirigent gastierte er in vielen Ländern Europas, den USA, Südamerika, im Mittleren Osten und Asien. Neben der Kammermusik und Oper nehmen vor allem große sinfonische Werke eine zentrale Position ein. 2007 schuf Reinhard Seehafer eine neue rekonstruierte Fassung der seit dem Dreißigjährigen Krieg verschollenen ersten deutschen Oper „Dafne“ auf der Grundlage des Original-Librettos von Martin Opitz. Drei Jahre später wurde Reinhard Seehafer mit dem renommierten Gellert-Preis für sein gesamtes künstlerisches Schaffen und Wirken in Mitteldeutschland geehrt.

Die Höhepunkte seines bisherigen musikalischen Schaffens? Die Ausstrahlung der 2. Sinfonie Mahlers in 3sat aus der Peterskirche in Görlitz „zur besten Sendezeit“. Aber auch die Aufführung der Matthäuspassion von Bach in Brasilia. Diese Premiere erlebten Tausende Menschen – „ein sehr beeindruckendes Erlebnis“, ergänzt Ehefrau Carmen Seehafer, Leiterin des Künstlerisches Betriebsbüro, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Für die Zukunft der Altmark Festspiele „haben wir noch eine ganze Menge vor“. „Traum und Vernunft“ wird das Motto für 2019 lauten. Es soll kein reines klassisches Festival werden, sondern auch an neuen Spielstätten mit verschiedenen Elementen – beispielsweise Lesungen – gespickt sein. Ein Höhepunkt dürfte die Aufführung der „Carmina Burana“ von Carl Orff sein. Als Ort ist eine Firmenhalle in Arneburg vorgesehen. Der Eröffnungsabend soll in Gardelegen mit den brandenburgischen Konzerten von Bach stattfinden. Mehr wollte Seehafer aber noch nicht verraten.

Heute feiert er seinen 60. Dabei darf Musik natürlich nicht fehlen, allerdings könnte es durchaus sein, dass der Maestro eine CD mit Stücken von Pink Floyd, Deep Purple, Procol Harum oder den Beatles, „ein Glücksfall für die Musik“, auflegt. Und schmunzelnd fügt er hinzu, dass er noch eine andere Band gut findet: „Rammstein“. Das passt zu Seehafer, der Musik als Bindeglied zwischen Menschen versteht, als ein Instrument, humanistische Botschaften zu senden und damit die Menschen zu erreichen.