Salzwedel l Sechs Monate Freiheitsstrafe auf zwei Jahre Bewährung ausgesetzt und 100 Arbeitsstunden in einer sozialen Einrichtung. So lautete das Urteil gegen einen 20-jährigen Altmärker. Dieser hatte mit weiteren Personen aus der rechten Szene einen Jugendlichen am Hanseat schwer verletzt und die Scheiben des Clubs zerstört.

Axtstiele und Machete

Mit gesenktem Haupt hörte sich der Angeklagte an, was ihm die Vertreterin der Staatsanwaltschaft vorwarf. Der junge Mann soll sich mit vier weiteren Tätern am 7. September 2018 gegen 23.30 Uhr mit Axtstielen, Baseballschlägern, Pflastersteinen und einer Machete in seinem Auto auf den Weg zum Hanseat gemacht haben. Dort sollen die Rechten einen damals 17-Jährigen schwer verletzt haben. Auch eine weitere Person soll geschlagen worden sein. Das Opfer erlitt Kopfverletzungen, Prellungen und Abschürfungen.

Wie es dazu kommen konnte, wollten Jugendrichterin Simone Schreiber und zwei Schöffen im Salzwedeler Amtsgericht herausfinden.

Er sei damals vom Training gekommen und wollte in ein Restaurant in die Neuperverstraße, erklärte der Angeklagte: „Dann sind acht bis zehn Vermummte an mein Auto gesprungen.“ Daraufhin habe er seine Kumpels zur Verstärkung gerufen und sich auf den Weg zum Hanseat gemacht, weil er einen der Täter erkannt haben wollte und die Gruppe als Linke ausmachte. „Der hält sich immer am Hansa auf.“

Flucht vor der Polizei

Später wurde klar, dass der Jugendliche, den er schlug, gar nicht das Ziel war. Am Club in der Altperverstraße habe er den damals 17-Jährigen angetroffen und dann mit einem Axtstiel zugeschlagen. Wie es genau ablief, könne er nicht sagen. „Es ging schnell.“ Auch seine Kumpels hätten ausgeteilt. Was, wie oder wen, will er nicht gesehen haben, genauso wenig wie das Blut auf dem Pflaster. „Es war dunkel.“ Irgendwann sei es „im Hansa laut geworden“, dann sei er mit den anderen Vermummten geflüchtet. „Ich habe dabei der Polizei die Vorfahrt genommen, die sind mir hinterher“, erzählte er. In der Goethestraße habe er die anderen aus dem Auto gelassen und „freiwillig auf die Polizei gewartet.“ „Ich sagte, haut ab, ich bleibe hier.“

Von Szene losgesagt

„Wen haben Sie an dem Abend angerufen?“ wollte die Richterin wissen, um an die Namen der Mittäter zu kommen. Doch der 20-Jährige hüllte sich in Schweigen, sagte, dass er Angst habe. Nur soviel: Er habe fünf Personen verständigt. Zum Tatzeitpunkt sei er noch in der rechten Szene gewesen, bestätigt er Richterin Simone Schreiber auf Nachfrage. Heute sei dies aber nicht mehr so. Er habe sich zwei Monate nach der Tat davon losgesagt. Auch und gerade, weil er durch die Tat Probleme mit seinen Eltern bekommen habe und deren landwirtschaftlichen Hof in der westlichen Altmark eines Tages übernehmen wolle. „Ich möchte irgendwann diese Verantwortung tragen“, sagte er: „ich will nicht, dass irgendwann der Hof brennt.“

Auch die Vertreterin der Staatsanwaltschaft hakte nach, wollte wissen, was die Rechten vor einem Angriff wie diesem besprechen: „Das interessiert mich.“ Wieder Schulterzucken. „Einen Denkzettel geben?“ Mehr als ein verhaltenes Nicken kam nicht, ebenso wenig auf die Frage, ob er sich den Austritt aus der rechten Szene nicht leicht gemacht hätte. „Ich möchte nichts sagen, das gibt nur Ärger.“

Überhaupt: „Man kann nicht mehr ungestört durch Salzwedel gehen“, versicherte der 20-Jährige . Die Angst schwebe immer mit. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft pflichtete ihm bei, dies sei in keiner anderen altmärkischen Stadt so schlimm wie in Salzwedel.

Von hinten niedergeschlagen

Der heute 18-jährige Geschädigte bestätigte das Geständnis des Angeklagten – auch, dass er sich vor der Verhandlung bei ihm entschuldigt habe. Er konnte sich noch an den Abend erinnern: „Ich bin raus aus dem Hansa, weil es stickig war.“ Fünf Sekunden später sei er mit einem Knüppel hinterrücks niedergeschlagen worden. Als er sich in den Club flüchten wollte, sei er an der Treppe gestolpert, gestürzt und wurde auf den Kopf mit einem Baseballschläger geschlagen. Mit seinen Verletzungen rettete er sich ins Hanseat. „Es hat alles gepiept.“

Danach ging es für ihn ins Krankenhaus zur Behandlung. Hinterher habe er erfahren, dass er nicht Ziel des Angriffs war, sondern eine Person aus dem linken Spektrum. Wohl auch deshalb habe er die Entschuldigung angenommen: „Ich wollte Gewissheit, dass ich nichts mehr zu befürchten habe.“ Die Schwere seiner Verletzungen relativierte er. Nach einer Kopfschmerztablette sei alles wieder gut gewesen.

Die Jugendgerichtshilfe sprach von gut situierten Verhältnissen des Angeklagten, der bei seinen Eltern wohne. Er möge nach Jugendstrafrecht behandelt werden, riet der Jugendgerichtshelfer dem Gericht.

Mit Rechten unterhalten

Weil sich der 20-Jährige geständig zeigte, beim Opfer entschuldigte, eine gute Sozialprognose habe und nach seiner Aussage nicht mehr zur Szene gehöre, plädierte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft auf 100 Sozialstunden. Nach einer Beratungszeit, in der sich der Angeklagte mit einem anderen aus der Salzwedeler rechten Szene bekannten jungen Mann unterhielt, sprach die Richterin das Urteil.