Salzwedel l Je nach Können und Leinwand-Standort deckt Graffiti ein weites künstlerisches Spektrum ab: Von aufwändig gezeichneten Botschaften des Widerstands bis zu hingeschmierten Parolen gelangweilter Teenager. Von Millionen teuren Banksy-Gemälden bis zu kruden Penis-Zeichnungen auf Klotüren. Auch Salzwedel zeigt diesbezüglich eine große Reichweite.

In der Innenstadt sind einige auffällige Vertreter. Was gut aussieht, entstand meist als Auftragsarbeit durch Profis. Aber auch viele Hobby-Sprayer waren hier auf Eigeninitiative unterwegs und haben ihre „Tags“ hinterlassen – Schriftzüge mit Wiedererkennungswert, mit denen sich die Künstler auszeichnen. Der Wiedererkennungswert entsteht aber eher durch die Form, da die Schrift oft sehr verschlungen und damit schwer lesbar ist.

Die lesbaren Markierungen sind meist die weitaus simpleren, die Aussagen sind eindeutig und politisch überwiegend links: Gegen Rassismus, für Feminismus, Antifa super, Polizisten doof und Nazis sollen geboxt werden. Zwischendurch sind einzelne Blocks als „FCM-Zone“ für den Fussballclub Magdeburg markiert. Der Klassiker, einfach Schimpfwörter an Hauswände zu schreiben, trat beim Stichproben-Spaziergang erstaunlich selten auf.

Bilder

Kosten für Stadt und Privatpersonen

Es sind typische Bilder jeder Stadt, die groß genug für verlassene Nebengassen und leer stehende Gebäude ist. Die Fassaden wieder sprühfrei zu kriegen, kostet Zeit und Geld: Nach Angaben von Stadtsprecher Andreas Köhler gab es 2019 sieben Einsätze von Mitarbeitern der kommunalen Dienste, die insgesamt 2 500 Euro kosteten. In diesem Jahr waren es bisher zwei Einsätze und 600 Euro. Auf Privatgrundstücken kommen die Besitzer für die Entfernung selbst auf, können in dem Fall aber finanzielle Unterstützung von der Stadt anfordern.

Aus frisch geputzten Wänden wieder Leinwände zu machen, bringt dagegen weitaus weniger Aufwand mit sich: Lediglich ein paar Euro für eine Sprühdose und das Abwarten des richtigen Moments, in dem die steinerne Fläche unbewacht ist. Oder zumindest unbewacht wirkt, denn die Täter bleiben nicht immer unbemerkt. Nach Angaben der Polizei konnten 2019 in 122 Ermittlungsverfahren 25 Tatverdächtige ausfindig gemacht werden. In diesem Jahr wurden bis Ende April sieben von 28 Fällen aufgeklärt.

Einige Täter wurden schon beim Sprühen gefasst, aber auch ihre angefangenen Bilder bereiten – so wie die fertig gestellten – jeder Stadtverwaltung und vielen Einwohnern Kopfschmerzen. Die oft sehr unschönen Motive hängen häufig an prominenten Stellen und sind damit ebenso gut sichtbar wie unschön. Das gilt als schädigend für das Ansehen einer Stadt. Und selbst hübsche Bilder – „unschön“ und „hübsch“ sind natürlich stets Ansichtssache – sind immer noch Vandalismus, wenn sie ohne Einwilligung der Grundstücksbesitzer angebracht werden.

Um Erlaubnis zu bitten, ist aber nicht wirklich das Ansinnen der rebellischen Graffiti-Ursprünge. Aber die Kunstform gibt‘s schon lange in kommerziell. Eine darauf spezialisierte Firma hat sogar ihren Sitz in Salzwedel.

In der Chüdenstraße etwa ist dem 2008 verstorbenen Thomas Nack eine ganze Mauer gewidmet, während in verschiedenen Teilen der Stadt sonst schnöde Stromkästen mit Salzwedeler Motiven verziert wurden.

So gibt Graffiti Gebäuden ein einzigartiges Aussehen und hält eventuell sogar andere Sprüher davon ab, sich auf bereits markierten Revieren zu schaffen zu machen. Dies funktioniert aber nicht immer, wie eine Wand in der Burgstraße zeigt: Dort sind Teile eines Stadtpanoramas von einem Tag verdeckt, das sicher nicht im ursprünglichen Auftrag enthalten war.

Bei einigen dieser Beispiele konnte die Stadt bestätigen, dass sie mit Einwilligung der Grundstücksbesitzer entstanden. Wie legal ein Graffiti ist, ist aber nicht immer offensichtlich. Ein gewisser Aufwand und Fertigkeit legen zumindest Legitimität nahe, ein Firmenlogo oder eine Telefonnummer integriert ist fast eine Garantie. Jedenfalls dürften wenige illegale Sprayer so unvorsichtig sein, ihre Kontaktdaten am Tatort zu hinterlassen.

Salzwedels Graffiti-Zentrum dürfte die alte Chemiefabrik in der Gardelegener Straße sein. Das zeigen schon die hunderten leeren Dosen, die säuberlich in einem Loch im Boden lagern. Die Malereien werden laut Pressestelle mittlerweile geduldet, gelegentliche Polizeibesuche gibt es dennoch. Dass in der abgelegenen Ruine mehr Zeit zum Sprühen ist, zeigt sich: Viele Bilder sind bunter und aufwändiger, nutzen auch Effekte wie Schattierungen. Einfache Kritzeleien gibt es dort trotzdem auch.

Das Gebäude wurde sogar mehrstöckig bemalt, mittlerweile führen aber nur ein paar wackelige Leitern in die anderen Etagen. Das Risiko hochzuklettern lohnt sich übrigens nicht besonders – die Bilder, die zu Fuß erreichbar sind, sind besser gelungen. Jedenfalls gilt das für die zweite Etage, die Leiter für das nächste Stockwerk sah dann doch zu suspekt aus, um weiterzuforschen.