Bergen/Salzwedel l Es war bereits der 10. November 1989, an dem sich Werner Harre, als er zum Dienst an den Grenzübergang Bergen fuhr, über Trabis und Wartburgs wunderte, die ihm entgegenkamen. „So etwas hatte ich ja noch nie gesehen“, erzählte erin der Pauluskirche. Bis Mittag hatten die westdeutschen Grenzbeamten bereits 3100 Fahrzeuge gezählt, die den Grenzübergang bei Bergen in Richtung Westen passierten. Der Beginn einer aufregenden Zeit, die in Zeitzeugengesprächen noch einmal lebendig wurde.

Neben dem Grenzschützer nahm mit Udo Krause auch ein ehemaliger Grenzoffizier der DDR daran teil, und Norbert Leitel hatte damals gerade seinen Wehrdienst an der innerdeutschen Grenze zu leisten. Er habe sich an dem Tag schon riesig darauf gefreut, endlich Urlaub zu bekommen. Dass die Grenze auf ist, habe ihm sein Vorgesetzter erst am 10. November morgens erzählt, so Leitel.

Zeitzeugen berichten

Was er allerdings die Wochen zuvor erlebte, lässt ihn heute noch nicht los. Gemeinsam mit seinen Kameraden wurde er mit einem Lastwagen zur tschechischen Grenze gebracht. Die Soldaten sollten verhindern, dass DDR-Bürger in das Nachbarland gelangen. Später ging es dann noch zur polnischen Grenze. „Wir mussten, als es los ging, alles zusammenpacken, das Maschinengewehr zwischen den Knien, ich dachte, wir ziehen in den Krieg“, erzählte er.

Bilder

Eine große Rolle spielte in den Zeitzeugengesprächen der berühmte Satz von Politbüro-Mitglied Günter Schabowski, der den Massenansturm auf die Grenzübergänge ausgelöst hatte. Eigentlich sollte ja die plötzliche Reisefreiheit in viel geordneteren Bahnen und mit Visa laufen. Horst Rakow aus Schnega las die Ministerratsbeschlüsse dazu vor, die das belegen.

Eine Runde zum Schauen

Doch es sollte anders kommen. Am Übergang Bergen kam in der denkwürdigen Nacht um 0.55 Uhr ein Simsonfahrer an. „Der wollte nur mal schauen, ob das stimmt, ist eine Runde ums Haus gefahren und dann wieder rüber“, erzählte Werner Harre.

Ihn habe es nicht angefochten, dass die Grenze plötzlich durchlässig war, erklärte Udo Krause. „Wir haben nach unseren Verordnungen und Befehlen gehandelt“, sagte er.

Die Angst fuhr mit

Dass es für die DDR-Bürger zuerst nicht so einfach war, den einst so schwer gesicherten „antifaschistischen Schutzwall“ zu überqueren, daran erinnerte Salzwedels Bürgermeisterin Sabine Blümel. „Wir hatten regelrecht Angst“, erzählte sie. Angst davor, nicht mehr zurückkehren zu können und auch davor, dass die Grenze wieder dicht gemacht wird.

Einen anderen, eher schmerzlichen Aspekt, den sie auch mit dem Tag verbindet, stellte Sabine Spangenberg aus Salzwedel heraus: das Ende der Arbeit des neuen Forums. Zuvor war in Arbeitsgruppen noch an einer neuen Verfassung gearbeitet worden. „Plötzlich waren wir nur noch ein paar Hanseln und die anderen im Westen,“ berichtete sie den Gästen.

Freude im Vordergrund

Im Vordergrund stand an dem Tag jedoch die große Freude über die gewaltfreie Öffnung des eisernen Vorhangs. „Wir können alle dankbar und glücklich sein, dass wir das erleben durften“, sagte Sabine Blümel. Ihre Amtskollegin aus Bergen, Heidemarie Schulz, erinnerte an die Tage, als die Menschen sich in den Armen lagen. „Auch wenn nicht alles perfekt weitergegangen ist, müssen wir daran denken, wie gut wir es haben, dass wir miteinander in Frieden leben können.“

Moderator Frank Briddikeit gab zu, „feuchte Augen“ bekommen zu haben, als er die Fahrzeugkolonne mit Trabis, Wartburgs, Ladas und anderen DDR-Oldtimer ankommen sah. „Und das nicht wegen des Gestanks des Zweitaktgemischs“, sagte er mit einem Augenzwinkern. Die IFA-Freunde Salzwedel hatten die Fahrt organisiert.