Salzwedel l In den vergangenen Monaten haben mich zwei Nachrichten sehr bewegt. In Oslo erhielten die Jesidin Nadia Murad und der kongolesische Gynäkologe Denis Mukwege den Friedensnobelpreis 2018. Sie kämpfen auf unterschiedliche Weise gegen Gewalt gegen Frauen. Manch einer wird denken, die Kriege in Syrien und im Kongo sind weit weg. Denn in Deutschland herrscht Frieden, und Frauen wären zumindest in ihren eigenen vier Wänden in Sicherheit.

113.965 Strafanzeigen

Die erst vor Kurzem veröffentlichten Zahlen des Bundeskriminalamtes zur Gewalt in der Partnerschaft sprechen allerdings eine andere Sprache. Für das Jahr 2017 stehen unglaubliche 113?965 Strafanzeigen wegen Misshandlungen, Stalking oder Bedrohung von Frauen in der Bilanz. Die Mehrzahl der Taten passieren in der eigenen Wohnung oder in unmittelbarer Nähe. Doch die Dunkelziffer ist weitaus höher. Lediglich 20 Prozent der Fälle werden überhaupt angezeigt. Jeden zweiten bis dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. In 2017 waren dies 147 – eine unglaubliche Zahl.

Viele der Täter halten sich an alte Rollenmuster und versuchen, ihre Partnerin zu dominieren. Sie demütigen diese über Jahre, um sie klein und gefügig zu halten. Selbst in scheinbar gleichberechtigten Partnerschaften kommt es zu Gewalt, wenn Situationen entstehen, die als Krise gesehen werden. Besonders deutlich wird das, wenn sich die Frau von ihrem Partner trennt.

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Ehre und Gewalt unvereinbar

Als Polizeibeamter habe ich oft zu solchen Einsätzen fahren müssen. Frauen, die durch Faustschläge oder Fußtritte verletzt wurden, wenn nicht sogar Messer oder Schlaggeräte im Spiel waren. Die zum Teil alkoholisierten Täter sprachen dann manchmal von „Ehre“. Für mich völlig unverständlich, denn Ehre und Gewalt sind unvereinbar. Mit allem vorhandenen Einfühlungsvermögen eines dreifachen Vaters habe ich mich dann auch um die vor Angst zitternden Kinder gekümmert.

Obwohl der Gesetzgeber in den vergangenen Jahrzehnten auf diese Gewalt reagiert hat und sich die Möglichkeiten der Polizeibeamten unter anderem durch Wegweisung eines Gewalttäters verbessert haben, ist in vielen Fällen der letzte Ausweg ein Frauenhaus. Davon gibt es aktuell 350 in der Bundesrepublik Deutschland. Unser Land hat 294 Landkreise und 107 kreisfreie Städte. Weil es in München, Hamburg und Berlin allein schon 19 Frauenhäuser gibt, kann man sich ausrechnen, dass in einigen Regionen vor Ort keine Anlaufstellen für von Gewalt betroffene Frauen vorhanden sind.

Traumatisierte Frauen und Kinder

Der Altmarkkreis Salzwedel verfügt über ein Frauenhaus, in dem die Mitarbeiter und ehrenamtliche Helfer eine hervorragende Arbeit leisten. Bereits die Begleitung der zum Teil traumatisierten Frauen und Kinder kostet viel Kraft. Darüber hinaus gilt es aber nach wie vor, die Finanzierung der Einrichtung zu sichern. Inzwischen haben Kommunen im Landkreis Salzwedel eine regelmäßige Unterstützung zugesagt. Dies ist gelebte Solidarität mit Opfern.

Für die Zukunft reicht dies aber nicht aus. Zwar wollen die zuständigen Ministerien der Bundesregierung mehr Mittel zur Verfügung stellen. Von 40 Millionen ist die Rede. Aber die ausreichende Finanzierung von Frauenhäusern ist letztlich nur als Pflichtaufgabe zu realisieren.

Solidarität und Zivilcourage

Darüber hinaus brauchen betroffene Frauen unsere alltägliche Solidarität, aber auch unsere Zivilcourage. Aus unterschiedlichen Gründen schaffen sie es in vielen Fällen nicht selbst, aus dem Teufelskreis von Abhängigkeit und Gewalt auszubrechen. Dann sind sie auf Hilfe von Freunden, Bekannten oder Nachbarn angewiesen. Nicht das Wegschauen oder Weghören, sondern das Sich-Einmischen und -Einbringen sind gefragt.

Als Nadia Murad bei der Verleihung des Preises in Oslo das Leiden der jesidischen Frauen auch an ihrem eigenen Beispiel schilderte, standen den Anwesenden Tränen in den Augen. Doch die außergewöhnliche Frau machte deutlich, dass sie kein Mitleid will. Es muss endlich etwas passieren.