Diesdorf l „Mein 13. Kind war eine schwere Geburt, weil ich bei einigen Kalenderblättern lange überlegt habe. Und doch hat die Arbeit wieder Spaß gemacht“: Stolz hält Heinz-Günter Klaas, Diesdorfs Orts- chronist und Mitglied im Heimatverein, den neuen Kalender in seinen Händen. Möglich wird das Werk jedoch nur durch das Mitwirken von vielen, die historische Fotos zur Verfügung stellen und Geschichten dazu erzählen.

„Sehr dankbar bin ich beispielsweise Heinz-Dieter Hahn. Der heute 82-Jährige hat seine Wurzeln in Diesdorf und lebt heute in Stuttgart“, nennt der einstige Lehrer eine Quelle. Am Telefon habe er ihm von seinen Eltern Heinz und Grete Hahn erzählt, die mit einem Kaufhaus im Jahr 1935 an der Poststraße ins Geschäftsleben gestartet seien. Allerdings seien sie am ersten Öffnungstag ziemlich enttäuscht gewesen. „Die Diesdorfer kamen neugierig zum Gucken. Aber sie haben nur drei Harzer Käse und sechs Schachteln Zigaretten gekauft“, gibt Heinz-Günter Klaas das Gehörte wieder. Als die Geschäftsinhaber dann angeschrieben hätten und somit Kredit einräumten, sei das Geschäft gelaufen. „Heinz Hahn war nicht nur Kaufmann, sondern auch Standesbeamter“, fügt er hinzu. Ein Foto des einstigen Geschäftshauses ziert das Kalenderblatt für den Monat April.

Weitersingen erwünscht

Auch das Wissen von Elisabeth Diekmann, einer einstigen Diesdorferin, die jetzt in Hankensbüttel zu Hause ist, sei in die 2019er Auflage mit eingeflossen. „Sie ist die Tochter vom Friseur Paul Queckenstedt“, schildert Heinz-Günter Klaas und zeigt auf das Foto mit getrennten Eingängen zum Herren- und Damensalon. „Sie erzählte mir, dass sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Anneliese oft in der Küche gesungen habe. Doch irgendwann verstummte das Trio. Da sei der Vater angekommen und bat darum weiterzusingen – weil es den Kunden so gefiel“, erzählt er.

Henrik Lenz habe ihm einen Stapel historischer Postkarten zur Verfügung gestellt. Eine davon sei auf dem Titel des neuen Kalenders abgedruckt, weit über 100 Jahre alt.

15 Gebote für Heiratslustige

Sein Lieblingsbild, verrät der Diesdorfer, schmücke den Mai. Abgebildet sei eine „Backfisch-Hutmodenschau um 1915“. „Den Begriff Teenager gab es damals ja noch nicht. Aber die 15-jährigen Mädchen haben gern in den Kleiderschränken ihrer Mütter gestöbert“, beschreibt er. Die Diesdorfer Kaufmannstöchter Maria Gena und Marie Freytag sowie die Musikertochter Claire Müller aus Bonese hätten sich extra schick gemacht fürs Foto. „Das war schon ein Hingucker für die Zeit“, meint Heinz-Günter Klaas mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Passend dazu hat er 15 Gebote für heiratslustige Mädchen dazugestellt, die bei der Wahl des Zukünftigen zu beachten seien: Vorsicht sei unter anderem geboten, wenn sich die Auserwählten nach dem Vermögen ihres Vaters erkundigen, mit ihrem Schmuck prahlen oder Trinker und Spieler sind.

Nachdenklich machen die Bilder, die den Juni und Juli schmücken. Auf dem einen ist der Badeteich in Diesdorf um 1934 mit Jugendlichen im Wasser zu sehen, die später freiwillig in den Krieg zogen – jedoch nicht wieder kamen. Auf dem anderen geht es um den Turnplatz unter den Eichen in Diesdorf (heute Sportplatz vor der Turnhalle), der am 26. Juli 1914 eingeweiht wurde. Fünf Tage später habe Deutschland Russland den Krieg erklärt, erinnert Heinz-Günter Klaas.

Erstes Landambulatorium

Auch die Kopie eines Holzstichs vom „Hühnenbett bei Diesdorf“, gefunden auf einem Flohmarkt, ist im „Neuen“ enthalten. „Das ist mein aktueller Bezug zur geplanten Großsteingräber-Route“, sagt der heute 73-Jährige und erinnert daran, dass er im Jahr 1997 mit Schülern einen Wanderweg angelegt habe. Allerdings seien die Schilder von einst wieder verschwunden.

Wichtig sei ihm auch die Würdigung des Arztes Dr. Hermann Finck, der ein Freund von Dr. Georg Schulze gewesen sei und in den 1930er und 1940er Jahren in der Klinik mit Bettenstation an der Himmelreichstraße praktiziert habe. „Hier sind auch Kinder zur Welt gekommen“, weiß Heinz-Günter Klaas. In dem Gebäude sei im Jahr 1951 das Landesambulatorium, das erste im Bezirk Magdeburg, eröffnet worden.

Fangemeinde in Australien

Aber auch die anderen Kalenderblätter erzählen Geschichte(n). „In Australien gibt es eine richtige Fangemeinde. Die ehemaligen Diesdorfer machen eine Party, wenn sie sich den Neuen ansehen“, hat er erfahren. In den USA und verschiedensten Orten Deutschlands tauchen einstige Bewohner ebenfalls gern in die Geschichte ein. Den Neuen gibt es übrigens ab sofort in Leitner‘s Service-Center am Markt, in der Diesdorfer Bibliothek bei Angela Hehle und bei Heinz-Günter Klaas.