Diesdorf l „In zwei Wochen wandern wir nach Deutsch-Südwest aus“, sagt Hausherr Wilhelm Mahlmann mit voller Überzeugung, bevor er sich mit seiner Familie und den Gesellen am Mittagstisch niederlässt. Auf der alten Küchenhexe im Querdielenhaus aus Siedenlangenbeck haben seine Ehefrau und die Töchter gerade die Mahlzeit zubereitet. Seine Informationen holt sich der Tischler aus der Zeitschrift „Kolonie und Heimat“. Darin wirbt die Deutsche Kolonialgesellschaft für das neue Leben fern des Reichsgebietes.

Ins Jahr 1910 entführte die Darstellergemeinschaft „Des Kaisers alte Kleider“ am Pfingstsonntag die Besucher im Diesdorfer Freilichtmuseum. Authentisch zeigten die Laiendarsteller das Leben in der Kaiserzeit – vom Postboten (Henrik Schaper), in einer Uniform aus dem Jahr 1913, über Tagelöhner und die genannte Tischlerfamilie bis zum Landvermesser (Martin Klöffler).

Winkelmesser von 1908

„Ich habe gestern noch vermessen“, berichtete da der Kataster-Kontrolleur Herman Frobenius vom Amt Salzwedel, wie sich Martin Klöffler in seiner Rolle selbst bezeichnete. Der Düsseldorfer zeigte seine Materialien und Karten sowie einen Theodolit (Winkelmesser) aus dem Jahr 1908. Auch seine Berufsbekleidung mit Gamaschen war dieser Zeit nachempfunden, teils als Original vorhanden. „So etwas kauft man beim Handelshaus Ephraim Bay“, berichtete der Mann aus dem Rheinland, dass er meist im Internet fündig werde.

Bilder

Auch der Postbote und Bürgermeister Heinrich Schaper – dargestellt von Henrik Schaper aus Hamburg – besitzt einige Originale aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Immer wieder schauten sich am Sonntag Besucher in seiner Postagentur in einem der kleineren Häuser auf dem Museumsgelände um. Dabei staunten viele darüber, dass die 17-köpfige Darstellergruppe über das Wochenende komplett in ihren Rollen lebte. „Wir schlafen sogar in den kleinen Betten hier“, berichtete Schaper von der eher unbequemen Nachtruhe. „Ein Bein musste ich aus dem Bett hängen lassen“, erzählte der rund 1,80 Meter große Mann.

Salzwedeler Wochenblatt

Auch die Wortwahl in ihren Gesprächen passten die Zeitreisenden in Diesdorf an. „Hier sagt keiner: Das ist okay“, berichtete Henrik Schaper im Gespräch mit der Volksstimme, genauer gesagt dem Salzwedeler Wochenblatt. Auch dieses war für einen Tag wieder an vielen Stellen im Museum erhältlich. Darauf war schließlich der Programmablauf abgedruckt.

Eine Auszeit gönnten sich die Schauspieler dann aber doch: Zum Duschen ging es schnell ins nahe Erlebnisbad.