Salzwedel l Dem mehrere Zentimeter dicke Buch ist sein Alter – 340 Jahre – nicht anzusehen. „Beim Einband handelt es sich um einen sogenannten Horneinband und es ist in einem Top-Zustand und niemals vernachlässigt worden“, stellt auch Stadtarchivar Steffen Langusch mit Blick auf den Buchrücken fest und wiegt das für seinen Umfang erstaunlich leichte Werk in der Hand.

Handgeschöpftes Büttenpapier

Das Buch bündelt historische Urkunden, vor allem aus den Jahren 935 bis 1071. Auf den meisten Seiten geht es um historische Rechtsgeschäfte, die im Erzbistum Magdeburg getätigt wurden, Gründungen, Schenkungen, Bestätigungen derartiger Abschlüsse, Tausch und Zugeständnisse. Die Blätter aus handgeschöpften Büttenpapier fühlen sich leicht samtig an und sind mit Zeilen in einer ebenmäßigen braunen Schrift beschrieben, anfangs meist auf Latein. Zwar trägt die letzte Seite die Zahl 454, „aber das passt nicht, denn mehrmals beginnt die Seitenzählung im Buch von vorn“, verweist Steffen Langusch. Urkunden aus späterer Zeit sind übrigens im damals üblichen Deutsch geschrieben.

Steffen Langusch treibt jedoch weniger der Inhalt des Buches um als vielmehr die Frage, wie es überhaupt ins Archiv der Hansestadt gelangte. Gäbe es eine gute Fee, die sich auf Archive und ihre Mitarbeiter spezialisiert hätte, dann würde sich Steffen Langusch wünschen, dass Nicolaus Gercken, der 1555 in Salzwedel geborene Jurist und Kanzler des Herzogs von Braunschweig, das Buch an die Jeetze gebracht hat. Denn soviel steht für Steffen Langusch fest: Die Urkundensammlung wurde aus rein geschichtlichem Interesse erstellt, nicht um Jahrhunderte später Rechtsgeschäfte nachvollziehen zu können.

Bilder

Zunächst suchte er nach Informationen über die Herkunft des Buches, unter anderem im Verzeichnis der Drucke aus dem 16. und 17. Jahrhundert, im Internetlexikon Wikipedia und auch in Johann-Heinrich Zedlers „Großem vollständigen Universallexicon aller Wissenschaften und Künste“.

Handschriften statt gebundener Druck

Die Recherche ergab für den Archivleiter das Ergebnis, dass es sich bei dem beachtlichen Buch aus dem Jahr 1678 nicht um gebundene Drucke, sondern um Handschriften von Johann Gottfried Olearius (1635 bis 1711) handelt. Der Theologe aus Halle trat auch als Autor in Erscheinung.

Vermutlich ging das Buch nach seinem Tod an seine Erben über – Olearius war vier Mal verheiratet und hatte 17 Kinder, von denen allerdings einige als Kleinkinder starben – und wurde später verkauft. Dann verwischt sich die Spur des Buches.

Im Sommer vergangenen Jahres erhielt Steffen Langusch Post. „Absender war ein Herr von Olearius“, berichtet der Archivleiter. Steffen Langusch suchte nach weiteren Informationen. „Im Landesarchiv befinden sich zwei Kopiare von Olearius, möglicherweise handelt es sich bei dem Buch hier in Salzwedel um eine Zusammenfassung“, berichtet er.

Das sich Olearius‘ Buch überhaupt in den Beständen des Salzwedeler Archivs befinden, spricht aus Sicht von Steffen Langusch für das hier ausgeprägte Geschichtsinteresse, das weit über die Altmark hinausreichte.