Salzwedel l Ob Mohammadsepehr Sadat seine iranische Heimat wirklich verlassen wollte, kann der junge Mann gar nicht eindeutig beantworten. Klar lockte die Aussicht auf eine Leben ohne religiöse Zwänge in Europa, doch eigentlich ging es ihm doch ganz gut. Zwar gehörte er der afghanischen Minderheit im Land an, eine Schule, die sich auf die Förderung von Mathematik-Talenten konzentrierte, durfte er dennoch besuchen.

Sprache mit Youtube gelernt

Doch all das war wenig wert, weil seine Schwester jene Privilegien nicht genießen konnte. Abfinden wollte sie sich damit auf keinen Fall. Offensiv trat sie für Frauenrechte ein. Ein Leben im Schattendasein kam für sie nicht in Frage. „Deshalb wurde es für sie gefährlich. Wäre sie im Land geblieben, hätte sie wahrscheinlich ins Gefängnis gehen müssen“, sagt ihr Bruder, als er von den Gründen der Flucht erzählt. Die beschwerliche Route ganz allein zurückzulegen, war keine Option für die junge Frau. Mohammadsepehr Sadat beschloss, seine Schwester zu begleiten und eine neues Leben in Europa zu beginnen.

Sechs Jahre später sitzt der inzwischen 22-Jährige im Wohnzimmer seiner Salzwedeler Wohnung. Ein Foto einer Moschee erinnert an seine alte Heimat. „Manchmal vermisse ich das Essen und die Geselligkeit von Zuhause. Das kommt aber nicht so oft vor“, sagt der junge Mann in fließendem Deutsch. Denn mittlerweile sind er und seine Schwester in der Altmark heimisch geworden. Er ist im Besitz einer Niederlassungserlaubnis, darf also unbefristet in Deutschland bleiben und arbeiten.

Was sich fast schon selbstverständlich anhört, war natürlich keineswegs ein Selbstläufer. Während der ersten Tage in Deutschland – nach der Landung in Frankfurt ging es zunächst nach Halberstadt in die dortige Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber - flossen die Tränen. Die fremde Sprache, die trostlose Umgebung, die Ungewissheit: Dies alles lastete auf dem Teenager. „Erst als wir dann nach Salzwedel gekommen sind, wurde es langsam aber sicher besser“, berichtet Mohammadsepehr Sadat.

Hier konnte er endlich wieder zur Schule gehen, und die Sprache richtig lernen. „Ich hatte einen Deutschkurs in der Schule, in der Freizeit habe ich viel mit Youtube-Videos gelernt“, sagt der junge Mann.

Von der Hauptschule zum Abitur

Bildung, das wird im Gespräch deutlich, hat eine überragende Bedeutung in seinem Leben. Stück für Stück tastete er sich voran. Nach dem Hauptschulabschluss lernte er an der Salzwedeler Berufsschule den Beruf des Sozialpflegers , währenddessen holte er seinen Realschulabschluss nach. Es folgte die Ausbildung zum kaufmännischen Assistenten, parallel dazu versuchte er, an einer Fernschule das Abitur nachzuholen. Nebenbei arbeitete er in der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber als Dolmetscher.

Der nächste Schritt soll nun folgen. „Ich warte grade auf die Ergebnisse. Wenn sie gut genug sind, möchte ich Zahnmedizin studieren“, blickt Mohammadsepehr Sadat schon einmal voraus. Salzwedel wird er dann wohl verlassen, aber sicherlich mit einem weinenden Auge. Denn gefallen habe es ihm in der westaltmärkischen Stadt eigentlich immer. Den Drang, in eine größere Stadt zu ziehen, habe er nie verspürt: „Ich fahre zwar gerne zum Besuch nach Hamburg oder Berlin, würde dort aber nicht leben wollen. Ich mag es einfach ruhiger.“Und weil seine Schwester immer noch in Salzwedel wohnt, wird er wohl regelmäßig zurückkehren.