Salzwedel l Vor 80 Jahren, am 9. November 1938, ereignete sich die Reichspogromnacht. Eine Nacht, die den ersten Höhepunkt der Verfolgung von Juden im Nationalsozialismus bildete. Salzwedel stellte dabei keine Ausnahme dar. Heute gilt der jüdische Friedhof an der Lüneburgerstraße als Kulturdenkmal und Gedenkstätte – ein Ort, der daran erinnert, zu was Angst und Hass führen können.

Nach Aufzeichnungen des Salzwedeler Stadtarchivs und Danneilmuseums entstand Mitte des 19. Jahrhunderts, um 1850, der jüdische Friedhof. Das älteste noch erhaltene Grab stammt aus dem Jahr 1853. Kaufmann Ahrens Lorenz liegt dort begraben. Etwa 20 Grabsteine sind erhalten. Darunter auch die von den in der Vergangenheit angesehenen jüdischen Familien Dahlheim und Beschütz.

Die letzten Ruhestätten

Amerikanischen Truppen beerdigten auf dem Friedhof ehemalige jüdische Häftlingsfrauen. Sie sind aus dem Konzentrationslager Salzwedel befreit worden, starben aber kurz darauf an den Folgen ihrer Inhaftierung. Es sind die letzten Ruhestätten, die dort entstanden sind.

Zwar wurden jüdische Geschäfte in Salzwedel Opfer der Pogromnacht, so blieben Synagoge und Friedhof vergleichsweise unbeschadet. Die Synagoge wurde nur aufgrund ihrer Lage zwischen Fachwerkhäusern nicht niedergebrannt und der jüdische Friedhof wurde weniger schlimm verwüstet als andernorts. Auf Anordnung der Besatzung musste die Stadt den Friedhof schließlich 1945 wieder herrichten.

Zum Gedenken der Pogromnacht und deren Opfer gibt es heute wieder einen Rundweg zu den „Stolpersteinen“. Ab 19 Uhr können sich Interessenten am Rathausturmplatz einfinden. Der Rundgang ist Teil einer Andacht, die bereits 18 Uhr auf dem jüdischen Friedhof stattfindet und von den Kirchengemeinden der Stadt gestaltet wird.

Gedanken des Autors zum Friedhof

Zwei Davidsterne lassen erkennen – hier bin ich richtig. Ich öffne das alte Friedhofstor und wandere nur wenige Meter auf dem mit Hecken flankierten Weg der Kulturstätte. Zu meiner Rechten sehe ich die ersten Ruhestätten. 1945 datieren die Grabsteine. Andächtig lese ich mir die Namen derjenigen durch, die damals hier ihre letzte Ruhe fanden. Die Umgebung ist völlig still. Eine Stille, die man nur auf einem Friedhof erlebt. Als würden all die Gedanken, die Trauer und die Schmerzen, die in der Vergangenheit hier vergraben wurden, die Luft dicker machen. Ich bewege mich langsam und vorsichtig. Vielleicht aus Angst, die Stille, die mich umgibt, sonst in zwei Teile zu schneiden.

Dieser Ort wirkt verlassen. Doch das überrascht mich nicht. Schließlich gibt es hier keine Angehörigen, die Grabpflege betreiben. Stattdessen begibt sich das gesamte Gelände langsam in die tröstende Umarmung der Natur. Pflanzen ranken sich um die Grabsteine, Äste fangen an, den Blick zu blockieren. Auf meiner Runde entdecke ich die massiven Gedenksteine der Familien Dahlheim und Beschütz. Ich kann förmlich auf Augenhöhe in die Vergangenheit blicken. Wieder bewege ich mich so langsam wie möglich, um diesen Ort in Bildern festzuhalten und die Ruhe dieses historischen Friedhofes nicht zu stören. Noch Tage nach meinem Besuch fühle ich das Gewicht dieser besonderen Atmosphäre.