Salzwedel l „Gott ist Vergebung“ bedeutet – frei übersetzt – der Name des jungen Mannes, der groß und mit breitem Lächeln in der Tür des Salzwedeler Hanse-Hauses steht. Das Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Salzwedel ist noch immer die Heimat des heute 19-Jährigen, der seit zwei Jahren in einer eigenen, kleinen Wohnung in der Innenstadt lebt. „Hier habe ich mein neues Zuhause gefunden“, sagt Enayatullah. Kurz nach seinem 15. Geburtstag war der junge Mann in der Hansestadt eingetroffen.

„Schon das war ein Glück“, sagt er, denn die deutschen Behörden hatten zunächst nicht geglaubt, dass der groß gewachsene Jugendliche das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte. Eine Sozialarbeiterin hatte sich mit den zuständigen Behörden in der afghanischen Hauptstadt Kabul in Verbindung gesetzt. Dort waren Papiere mit dem Geburtsdatum von Enayatullah aufgetaucht. Damit war klar, dass der damals 15-Jährige, als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling eingestuft und ihm schließlich eine Unterkunft im Hanse-Haus zugeteilt wurde. „Das muss man verstehen“, sagt Enayatullah: In den Augen vieler Westeuropäer erscheinen Menschen mit dem dunklen Teint der arabischen Welt älter, als sie es sind. In jedem Fall aber sei es ein großes Glück, dass sein Geburtsdatum durch offizielle Papiere habe belegt werden können, denn so habe er sich vom ersten Tag an darauf konzentriert, die Kultur und die Sprache seiner neuen Umgebung kennenzulernen.

Ab Serbien legal unterwegs

„Ich konnte kein Wort Deutsch“, sagt Enayatullah, dem schon beim Überschreiten der serbischen Grenze ein Stein vom Herz gefallen war. „Ab Serbien waren wir legal unterwegs“, sagt er. Bis dahin sei jede Stunde ein Wagnis gewesen.

Den Beginn seiner Flucht beschreibt Enayatullah – damals ein Kind von 14 Jahren – als überstürzt und von der Angst vor Entdeckung geprägt. „Wir haben den Schleusern das Geld gegeben und sind in derselben Nacht aufgebrochen.“ Es sei keine Zeit geblieben, sich von Verwandten zu verabschieden. Nach seiner Flucht hätten auch die Eltern das gemeinsame Zuhause verlassen und seien an einen unbekannten Ort irgendwo in Afghanistan gezogen. Das sei als Vorsichtsmaßnahme notwendig, um der Rache der Taliban zu entgehen. Entgegen den Berichten in weiten Teilen der westlichen Medien sei Afghanistan weit von einem Frieden entfernt. „Tagsüber war es einigermaßen sicher“, sagt Enayatullah, „wer nachts vor die Tür ging, war lebensmüde.“

Sprengfallen und Bomben erlebt

„Einmal wollte ich zu meinem Englisch-Kurs gehen, da kam mir ein Nachbar entgegen“, erzählt er. Der Mann habe ihm vermutlich das Leben gerettet: „Geh besser nicht weiter.“ Minuten später seien vor einer Bank zwei Bomben explodiert: „Das war kurz nach acht Uhr“, sagt Enayatullah. Bei dem Anschlag seien 150 Menschen gestorben.

In Deutschland angekommen, sei es die größte Herausforderung gewesen, die eigenen Gedanken zu ordnen. „Das war nicht einfach“, erinnert sich der junge Mann, denn die große Flüchtlingswelle im Jahr 2015 habe die deutschen Behörden vor eine Herausforderung gestellt. „In Bayern waren wir erst in einer Turnhalle untergebracht“, sagt Enayatullah: „Du hörst deinen Namen über einen Lautsprecher, weißt aber nicht, worum es geht oder wo du nun hingehen musst.“

Lotse in einer fremden Welt

Alles das habe sich nach und nach ergeben. Geduld und Rücksichtnahme war auf allen Seiten gefragt. Schritt für Schritt habe sich dann das ergeben, was im Behördendeutsch als „Integration“ beschrieben wird, Enayatullah aber als „Ankommen in meiner neuen Heimat“ beschreibt. Bei diesem „Ankommen“ habe auch das Hanse-Haus eine wichtige Rolle gespielt: „Hier helfen die, die schon länger in Salzwedel leben, den Neuen dabei, eine Orientierung zu finden.“

Heute ist Enayatullah einer von denen, die den Neuankömmlingen helfen, in der Hansestadt neuen Boden unter die Füße zu bekommen. „Es ist egal, wo ein Mensch herkommt“, gibt der junge Mann zu Protokoll. „Wir sind hier alle eine Familie und da wird jedem geholfen.“

Mit dem Rückhalt der Erzieher und Bewohner im Hanse-Haus hatte Enayatullah die Schule mit überdurchschnittlichen Noten beendet und eine Ausbildung zum Kinderpfleger absolviert. „Eigentlich wollte ich Arzt werden“, sagt er. Aber was nicht ist, kann ja noch kommen. „Langsam, langsam“, schmunzelt der 19-Jährige, der sich darauf freut, im August seine erste Stelle als Kinderpfleger in den Eigenbetrieben der Stadt Salzwedel anzutreten: „Denn Kinder“, sagt er, „sind die Zukunft der Welt.“