Salzwedel l Der Klaviermarathon im Kunsthaus am vergangenen Wochenende wird in Erinnerung bleiben. Und zwar im besten Sinne. Die Altmark Festspiele um ihren rührigen Intendanten Reinhard Seehafer hatten gerufen, und vier Weltklasse-Pianisten waren diesem Ruf gefolgt. Seehafer, der auch Juror des Internationalen Deutschen Pianistenpreises in Frankfurt/Main ist und 2015 als Dirigent die Preisträgerkonzerte mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester leitete, ist es gelungen, vier Hochkaräter der klassischen Klavierszene in die Hansestadt zu bekommen.

Auch wenn es im Vorfeld des Konzertes zu Irritationen gekommen war – einige Zeit lang galt die Mönchskirche als Aufführungsort und ursprünglich standen sämtliche Klaviersonaten Ludwig van Beethovens auf dem zweitägigen Programm – so boten die preisgekrönten Pianisten Eric Lu, Ching-Yun Hu und Yekwon Sunwo den Besuchern Meisterwerke der Klavierliteratur. Seehafer machte allerdings deutlich, dass das Beethovensche Klaviersonatenprojekt nicht „aufgehoben, sondern lediglich aufgeschoben“ ist. „Wir werden das auf jeden Fall nachholen“, sagte er unter dem Beifall der Anwesenden.

Den Auftakt machte am Sonnabend Andrejs Osokins aus Lettland (Publikumspreis des 5. Internationalen Deutschen Pianistenpreises Frankfurt a. M. im Jahr 2015) mit Ludwig van Beethovens „Appassionata“. Sie gehört zu seinen populärsten Stücken. Vollendet hat sie Beethoven vermutlich im Jahr 1806, im ungarischen Schloss Martonvasar und sie stellt einen neuen Höhepunkt in Beethovens Klavierschaffen dar. Darin stecken Leidenschaft, Trotz, Temperament und natürlich Dramatik. Osokins meisterte das Stück, das eine große solistische Virtuosität verlangt, hervorragend. Und natürlich auch die folgenden Werke von Rachmaninow und Prokofjew. Er lebte die Werke förmlich mit, seine Mimik wurde dabei zu einem Spiegelbild seiner Seele. Natürlich durfte er den Steinway nicht ohne Zugaben verlassen, die er auch reichlich gewährte. Unter anderem mit dem Türkischen Marsch von Mozart und einem Stück von Gershwin, das er komplett allein mit der linken Hand spielte.

Bilder

Ohne Zugaben geht gar nichts

In nichts nach stand ihm im zweiten Teil des Konzertes Eric Lu. Er war Gewinner (1. Preis) des 7. Internationalen Deutschen Pianistenpreises Frankfurt a. M. im Jahr 2017. Lu begann mit den lyrischen Klavierstücken (4 Impromptus op. 90) Franz Schuberts, seinen bekanntesten und populärsten Werken. Problemlos schlüpfte Lu in die Schubertsche Musikwelt und interpretierte dessen Werk auf meisterhafte Weise. Zwischen Unrast und Hoffnungslosigkeit – so könnte man Chopins Klaviersonate Nr. 2 op. 35 umschreiben. Seine „Trauermarsch-Sonate“ ist die wohl düsterste Klaviersonate der Romantik. Der chinesisch-amerikanische Pianist Eric Lu spielte sie mit jener fieberhaften Vehemenz, die echtem Schmerz innewohnt, zeigte eine außergewöhnlich hohe musikalische Sensibilität und begeisterte mit seinem unverwechselbaren musikalischen Stil. Auch Lu kam an Zugaben nicht vorbei, die das begeisterte Publikum vehement einforderte.

Am Sonntag wurde der Klaviermarathon fortgesetzt. Ching-Yun Hu, Gewinnerin (1. Preis und Publikumspreis) des 12. Internationalen Arthur Rubinstein Klavierwettbewerbes Tel Aviv, Israel, setzte mit Strauss‘ Finalduett aus der Oper „Der Rosenkavalier“, Brahms Klaviersonate Nr. 2 fis-moll op. 2 und „La Valse“ von Ravel Glanzpunkte. Sie ist nicht nur eine großartige Pianistin, sie ist vor allem ein Mensch, der Musik spielt. Sie sei menschlich in jedem Ton, den sie produziert, haben Kritiker über die Taiwanesin geschrieben. Dass sie mit ihrer Einschätzung recht haben, stellte die Pianistin eindrucksvoll unter Beweis.

Ebenso wie Yekwon Sunwoo, den vierten im Bunde der Weltklasse-Pianisten. Sein Auftritt zeigte, dass es wohl nicht mehr lange dauert, bis er in einem Atemzug mit Lang-Lang genannt wird. Als 28-Jähriger und als erster Südkoreaner gewann Yekwon Sunwoo im Juni 2017 den 15. Van-Cliburn-Klavierwettbewerb in Fort Worth, Texas. „So ein Wettbewerb ist eine schwere, lange emotionale Reise“, hatte Sunwoo gesagt. Dass ihm diese gelungen ist, machte sein sehr eindrucksvoller Auftritt im Kunsthaus deutlich. Wahrscheinlich hatten die Altmärker am Sonntag zum ersten und wohl auch zum letzten Male die Chance, den Künstler live in Salzwedel zu sehen. Sollte er seinen musikalischen Weg weiter so gehen, dann dürfte er für die Hansestadt nicht mehr zu finanzieren sein. Trotz der hervorragenden Verbindungen, über die Reinhard Seehafer offenbar verfügt.