Salzwedel l Die Stammgäste der kleinen gemütlichen Gaststätte an Salzwedels Alter Jeetze werden ab September ein Geräusch vermissen. Aus der Küche war regelmäßig ein kräftiges Klopfen zu hören. Immer dann, wenn jemand ein Schnitzel bestellt hat. Für Mitinhaber und Koch Hans-Peter Röhner ist es Ehrensache, dem Gast ein perfektes frisch zubereitetes Schnitzel zu servieren. Gemeinsam mit seiner Frau Gabriele führt er seit 21 Jahren Wagners Stübchen. Bekannt für gut bürgerliche Küche. Nicht sehr groß, aber mit familiärem Anstrich und einem kleinen Biergarten, ist es ein beliebter Anlaufpunkt, um Essen zu gehen oder Abends ein Bierchen zu trinken.

Noch, denn die beiden Gastwirte haben sich schweren Herzens dazu durchgerungen, ihr Stübchen zum Monatsende zu schließen. „Dann gehe ich in Rente“, sagt Gabriele Röhner schulterzuckend. Ihr Mann ist bereits seit zwei Jahren Rentner. Nachdem er einige gesundheitliche Probleme hinter sich hat, haben die beiden beschlossen, ihren Ruhestand zu genießen. Es strengt sie inzwischen zu sehr an, Tag für Tag in der Küche oder hinter dem Tresen zu stehen. Mit einer Aushilfe, ebenfalls im Rentenalter, stemmen sie den Gaststättenbetrieb und richten im Saal, der zum Restaurant gehört, regelmäßig Familienfeiern aus. Und damit wird ihr Brufsleben auch ausklingen. „Wir haben am 31. August noch eine Geburtstagsfeier“, erzählt Gabriele Röhner. Gebucht haben langjährige Stammgäste. „Da konnten wir nicht absagen“, sagt Hans-Peter Röhner, den alle, die ihn gut kennen, nur Hansi nennen.

Dabei sah es zunächst gar nicht so schlecht für die Zukunft der urigen Innenstadtkneipe aus, in der sich auch in Arbeitsklamotten auf ein Feuerabendbier getroffen werden kann. Zunächst hatte die Tochter der beiden Ambitionen, sie weiterzuführen. Doch „der Liebe wegen“, ist sie in eine andere Region Deutschlands gezogen, erzählt Gabriele Röhner. Da sie ausgebildet haben, gab es eine vielversprechende junge Nachfolgerin. Ein Schicksalsschlag machte auch diese Pläne zunichte. Weiteres ehrliches Interesse gab es nicht und so planen die Gastswirtsleute, das Haus zu verkaufen. Ein Schild vor der Eingangstür weist daraufhin.

Imbiss in Restaurant umgebaut

Je näher der letzte Tag für Wagners Stübchen rückt, um so banger wird den beiden ums Herz. Immerhin haben sie in den gut zwei Jahrzehnten viel Zeit, Kraft und Ausdauer investiert und den einstigen Imbiss zu einem Restaurant ausgebaut. Als sie ihn damals kauften, gab es dort Pommes und andere Speisen auch für den Straßenverkauf. Das Ehepaar hat die Räumlichkeiten renoviert und schrittweise erweitert. Nicht ohne Stolz präsentieren sie den kleinen Saal mit eigenem Tresen.

Vor dem Schritt in die Selbstständigkeit haben sie in gehobenen Salzwedeler Restaurants gearbeitet. „Wir waren beide immer in der Gastronomie tätig“, erzählt Gabriele Röhner. Mit Akribie widmeten sie sich dann ihrem eigenen Lokal. Öffneten es in früheren Zeiten täglich von 9 bis 22 Uhr, bei Feiern ging es schon einmal bis in die frühen Morgenstunden. Hinzu kam die Vor- und Nachbereitung.

Stammgäste vermissen

Auch einen Partyservice haben sie betrieben, was lange Stunden in der Küche nach sich zog. „Damals hat uns das nichts ausgemacht, aber man wird ja nicht jünger“, sagt die Gastwirtin bedauernd. Am meisten werde sie ihre Stammgäste vermissen. Einige haben sich bereits verabschiedet. Blumen und eine Karte mit netten geschriebenen Worten vorbei gebracht. Sie habe gern, die Wünsche der Gäste erfüllt. Die meisten kenne sie seit vielen Jahren. Es sei eine schöne Zeit gewesen, für die sie sehr dankbar sei.

Der Salzwedeler Fritz Müller, der kurz zu einer Absprache für eine Feier vorbei kommt, bedauert es ausdrücklich, dass er bald nicht mehr dort einkehren kann. „Es wird immer weniger, mit den Gaststätten in der Stadt“, sagt er. Vor allem solche familiär geführten, wie die der Röhners, gebe es kaum noch. Er werde sein Stammlokal vermissen.

Zweite Schließung innerhalb von acht Monaten

Damit hat er Recht, denn mit Wagners Stübchen schließt innerhalb von acht Monaten das zweite Lokal in der Hansestadt. Ende Dezember 2018 hatte Birgit‘s Cafe und Steakhaus am Burggarten zu gemacht.

Das Kneipensterben in ländlich Regionen ist nicht neu, setzt sich aber ungebremst fort. Nicht nur in den Dörfern, wie der Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes in Sachsen-Anhalt, Michael Schmidt bestätigt. Ein Grund sei die demografische Entwicklung. Viele Gastwirte, die sich nach der Wende selbstständig gemacht hätten, gingen in den Ruhestand und heutzutage gehe eine Gaststätte kaum noch in die nächste Generation über. Einen Käufer zu finden, sei gerade in dünnbesiedelten Regionen schwierig. Wenn dies bis zu einem halben Jahr nach der Schließung gelinge, stünden die Chancen gut, dass sich das Restaurant weiter am Markt halten kann. „Danach ist es ohne einen Interessenten, der seine Erfüllung und Berufung darin sieht, ein großes Problem“, betont der Dehoga-Präsident.

Keine Nachfolger

Ein weiterer Grund, warum gerade in strukturschwächeren Gebieten, mehr Gastwirte aufgeben oder keinen Nachfolger finden als in urbaneren Räumen, liege in der Preisgestaltung. Diese könne aufgrund der geringeren Kaufkraft in solchen Regionen nicht so wirtschaftlich gestaltet werden, wie in größeren Städten. „Es ist dort schwerer eine Deckung der Kosten zu erreichen“, erklärt Schmidt, der selbst Hotelier ist. Ein weiterer Nachteil in dünnbesiedelten Landstrichen: „Es ist kaum Personal zu finden“, weiß der Dehoga-Chef.

Er zeichnet ein düsteres Bild von der Gastronomie-Landschaft. Von 2006 bis 2016 hat Sachsen-Anhalt bereits 1044 Lokale verloren. Prognostiziert sei, dass von 2016 bis 2025 im Bundesland weitere 1000 vom Markt verschwinden. Und das betreffe in erster Linie die klassischen Gaststätten. Zu den Gastronomiebetrieben zählen auch Imbisse. Doch die hätten eine weitaus geringere „Sterberate“.