Salzwedel l Stehende Ovationen und begeisterter Jubel – der Saal tobt. Fast drei Stunden lang muss die Menge sich gedulden. Bis fast zum Schluss hat sich Heinz Rudolf Kunze seinen bekanntesten Song „Dein ist mein ganzes Herz“ aufgehoben. Wie eh und je – mit viel Gefühl in der Stimme und kraftvoller Klavierbegleitung legt er ein bewegendes Finale hin.

Doch auch die Darbietung zuvor sorgt allenthalben für strahlende Gesichter und erheiterte Gemüter. Kein Wunder, ertönt doch bereits zu Beginn eine Stimme, die verlauten lässt, es solle gejubelt, geklatscht und getrampelt werden, bis der Arzt kommt. Denn die Sensoren im Fußboden, extra angebracht vom sogenannten Korrekturkonsil, zuständig für Gefühlskontrolle, bestehend aus Rechtsex- tremen und Sexisten, seien nur mit begeisterter Stimmung zu überlisten.

Songs aus 30 Jahren Musikgeschichte

Und die kitzelt der poetische Liedermacher gleich mal gekonnt aus den Salzwedelern heraus, als er die Bühne betritt. „Es gibt Städte, deren Fußballspieler bekommen nicht mal einen Elfmeter, wenn sie ein Bein verlieren“, leitet Kunze seine Show ein. Auch gebe es Städte, in denen nur der Schaum des Bieres nach etwas schmecke und wo dauerhaft Gesamtschulenwetter herrsche. Zum Glück aber sei das bei Salzwedel nicht der Fall. Und noch mit dem lachenden Raunen der Menge folgt das erste Lied. Balkonfrühstück.

Das Programm, bestehend aus Kunze, drei Gitarren und einem Klavier, ist ein „Zickzack-Kurs durch die Jahrzehnte“, umschreibt der 61-Jährige. Immerhin ist in den nahezu 30 Jahren als Künstler einiges an Musik zusammen gekommen. Dementsprechend gehe der Trend für ihn auch zur Zweitband. Auf der Bühne bleibt er jedoch allein. Mit Ausnahme von seinem Assistenten Richie, der ihn zwischendurch mit einer Mundharmonika versorgt, deren Gestell Kunze allerdings dann und wann in den Wahnsinn treibt. „Es ist mir ein Rätsel, wie Bob das 60 Jahre ausgehalten hat“, sagt er mit Verweis auf Bob Dylan.

Verwechslung mit Grönemeyer

Ganz nebenbei teilt er auch mächtig aus. Oder das künstlerische Ich, das aus ihm spricht. Die AfD bekommt ebenso ihr Fett weg wie CDU, SPD und Grüne. Hier Gender-Wahn und idealistische Verklärung, dort Kritik an Rassismus und kalkulierter Sprachfärbung der Rechtspopulisten – einmal quer durch das politische Spektrum. Doch beschränkt er sich nicht nur auf nationale Politik. Auch Donald Trump gerät indirekt in den Mittelpunkt von Kunzes Satire, als er auf alternative Fakten zu sprechen kommt. Wo er manches gerade heraus äußert, versteckt er anderes eher in subtiler Kritik und poetisch-philosophischer Verkleidung. Und trotzdem: Nichts davon wirkt geltungssüchtig, bösartig oder prätentiös. Im Gegenteil. Lakonisch und bescheiden, unaufgeregt, aber haltungsstark präsentiert Kunze abwechselnd Anekdoten und musikalische Stücke.

Am Ende lässt er sich eben vor allem eines nicht: In eine Schublade stecken. Da kann es dann auch mal zu Verwechslungen kommen. So wurde er mal an einer Tankstelle in Brandenburg für Herbert Grönemeyer gehalten. Eine Geschichte, mit der er im Saal donnerndes Gelächter herauf beschwört. Das Korrekturkonsil dürfte von alledem mächtig verwirrt worden sein.