Salzwedel l Aus den Boxen tönt „Weine nicht“ von Hans Albers, als Jürgen Schnerk seine Cousine Imgard Cotte im Rollstuhl durch das Pflegeheim schiebt. Die 89-Jährige wohnt seit mehr als zwei Jahren in einer Seniorenunterkunft im niedersächsischen Bergen/Dumme, wenige Kilometer von ihrer Heimatstadt Salzwedel entfernt. Ihr Cousin schiebt sie vorbei an Tischen, an denen Senioren gemeinsam würfeln. Andere betagte Bewohner blicken starr aus den Fenstern, als suchen sie ihre Vergangenheit. Irmgard Cotte kennt ihre Vergangenheit genau – wie könnte sie die vergessen? Zu grausam sind die Bilder und Geschehnisse aus Jugendtagen, die sie seit jeher nicht mehr losgelassen haben.

Dass sie überhaupt im hohen Alter ihre Erinnerungen teilen kann, ist keine Selbstverständlichkeit. Irmgard Cotte, geborene Schnerk, hat die schrecklichen Folgen der Bombardierung des Salzwedeler Bahnhofes am 22. Februar 1945 als 15-Jährige mit ansehen müssen und ist wenige Wochen später selbst nur knapp dem Tod entgangen. „Ich wollte nicht, dass diese Geschichte in Vergessenheit gerät“, sagt ihr Cousin Jürgen Schnerk. Er sitzt neben seiner Cousine an einem runden Holztisch und lauscht ihrer Geschichte.

Irmgard Cotte blättert durch mehrere Seiten. Es ist ihre Schrift, ihre Geschichte. Die Hand zittert leicht, als sich die 89-Jährige in ihre Vergangenheit begibt, die grauen Bilder wieder lebhaft werden.

Bilder

Luftschutzbunker hinterm Haus

Der 22. Februar 1945 war ein kalter Wintertag. „Ich hatte an dem Tag eine Mathematikarbeit an der Landwirtschaftsschule“, erinnert sie sich. Mit weiteren 55 Schülern büffelte sie an dem Vormittag im Unterrichtsraum. „Dann ging der Voralarm los.“ Sie wusste, dass ihre Mutter sich zu Hause in der Hoyersburger Straße sorgte, „deshalb wollte ich mit meiner besten Freundin Marga Dove nach Hause“. Ihre Lehrerin gestattete es den Schülerinnen. Sie gehörten zu den fleißigen. An der Ecke Hoyersburger Straße zum Bahnhof trennten sich ihre Wege. „Margas Vater betrieb die Mitropa“, daher wohnte die Familie am Salzwedeler Bahnhof. „Plötzlich ging der Vollalarm los“, erinnert sich Irmgard Cotte. Es war kurz vor 12 Uhr. Die beiden 15-Jährigen liefen um ihr Leben. Unwissend, was passieren sollte. „Ich packte zu Hause sofort einen Notfallkoffer mit dem Nötigsten“, sagt die heute 89-Jährige. Etwas Kleidung und wichtige Papiere. Dann ging es in den Keller hinterm Haus, der Luftschutzbunker. „Wir mussten Luft hinein pumpen – für den Sauerstoff.“ An der Wand standen Bänke, nur in der Mitte des ovalen Raums aus Beton konnte man stehen. „Es war wie eine Röhre mit Abzweigung“, sagt sie. Nachbarn und Arbeiter der benachbarten Zuckerfabrik saßen dicht an dicht, „wir hatten alle Angst“. Ein Luftschutzwart sicherte die schwere Stahltür – „keiner kam raus, keiner mehr rein“.

Rauch stieg über dem Bahnhof auf

12.20 Uhr, ein Donnern setzte ein. „Es war furchtbar laut, wir merkten die Erschütterungen.“ 59 amerikanische Kampfflugzeuge flogen zwei Angriffswellen auf die Amerika-Linie und legten den Salzwedeler Bahnhof in Schutt und Asche. Auch die Wohnungen der Eisenbahnerfamilien. Der Bahnhof war seinerzeit ein wichtiger Knotenpunkt der Wehrmacht. Menschen, die in Unterführungen Schutz suchten, wurden vom Schutt begraben. Etwa 300 Personen starben.

Irmgard Cotte holt tief Luft. Zu lebhaft sind die Erinnerungen an jenen Tag, zu grausam die Bilder. „Als ich aus dem Bunker kam, habe ich die Rauchwolken gesehen.“ Sie eilte zum Bahnhof, hoffte, ihre Freundin Marga in den Arm nehmen zu können. Am Bahnhof angekommen, sah sie die Katastrophe. Die Gleise verbogen wie Gummi, eine Lok stand senkrecht. Menschen schrien. „Es stank furchtbar – alle waren tot.“ Irmgard Cotte rannte zum Haus von Marga. Und tatsächlich, Marga hatte überlebt. „Ich holte sie raus.“

Torso in der Hand

Derweil sperrte die Polizei den Bahnhof großräumig ab. „Ich bin gerade noch rein gekommen, alle nach mir, die nach Angehörigen sehen wollten, nicht.“ Doch was sie sehen musste, überstieg all ihre Vorstellungen. „Anhand von Ringen und Schmuck an den Extremitäten versuchten sie, die Menschen zu identifizieren.“ Eine Frau zog an einem Büschel. Sie hatte einen Torso in der Hand. „Die Bilder vergesse ich nie“, sagt die 89-Jährige mit gebrochener Stimme, „das war der Anfang der Angst.“ Was würde noch geschehen? Würde man sie alle töten? An einer Treppe hinter dem Bahnhof sahen sie den „Bahnhofsvorsteher Hinterhötzl“ liegen. Die Mädchen fassten sich an die Hände, sie kannten ihn gut. Die Freundinnen wollten nur noch weg, als sich plötzlich die Frau des Reichsbahn-Oberinspektor Josef Hinterhölzl bei ihnen nach ihren Mann erkundigen wollte. „Wir sagten nichts.“ Sie hörten nur noch die Klagerufe und Schreie der Witwe, als sie ihren toten Mann fand.

Irmgard Cotte muss einen Schluck Wasser trinken. Tränen stehen ihr in den Augen. Sie blättert in ihren Aufzeichnungen weiter. Sie erinnert sich, wie ihre Mutter beschloss, die Sommergarderobe, die aus Angst vor Bombenangriffen bei der Tante in der Nachbarstadt Lüchow ausgelagert war, zurückzuholen. „Mein Cousin Herbert, der schon erwachsen war, erklärte sich bereit, mit mir per Fahrrad nach Lüchow zu fahren. Als wir bei meiner Tante ankamen, erfuhren wir, dass in der Zwischenzeit die Amerikaner in Salzwedel eingerückt waren. Wir luden uns je einen Karton auf den Gepäckträger und machten uns sofort auf die Rückfahrt. Kurz vor der Stadtgrenze sahen wir schon den ersten amerikanischen Panzer. Der aber drehte um und fuhr zurück. So gelang es uns, unbehelligt unsere Wohnung am Stadteingang zu erreichen.“ Einwohner berichteten bereits von Plünderungen und dass der Salzwedeler Arzt Doktor Singerhoff mit den Amerikanern verhandelt hätte, die Stadt als Lazerettstadt zu verschonen.

Befreiung der Zwangsarbeiter

„Die jüdischen Frauen, die in einem KZ-Außenlager an der Gardeleger Straße in einer Baracke hausten, wurden befreit und verbanden sich mit den Juden, die in der Zuckerfabrik in einer Baracke lebten.“ Irmgard Cotte konnte von ihrem Fenster in der Hoyersburger Straße beobachten, wie sie ihre Freiheit gemeinsam feierten. Es ärgerte sie, dass manche Salzwedeler von Plünderungen durch die jüdischen Frauen sprachen. „Das war keine Plünderei, die Menschen haben gelitten und hatten nur Lumpen als Kleidung“, erinnert sie sich.

„Inzwischen hörten wir aber auch von Übergriffen der Amerikaner gegen deutsche Frauen. So versteckte uns meine Mutter im Heuboden unseres Stalls, wo wir die Nacht unbehelligt verbrachten. Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass eine ältere Nachbarin, Frau Nelke, von drei Amerikanern vergewaltigt wurde. Ich habe sie danach auch gesehen. Sie war völlig durcheinander und erkannte uns nicht mehr. In der Feldstraße wohnte eine junge Frau mit ihren beiden Töchtern. Die älteste Tochter war jünger als wir – zirka zwölf Jahre – die jüngere Tochter war fünf Jahre alt. Alle drei sind in der Nacht von Amerikanern vergewaltigt worden, was sich schnell herumsprach. Gesehen habe ich sie nie wieder.“

Soldat griff zu seiner Waffe

Am nächsten Morgen musste Irmgard Cotte mit ihrer Schwester Erika und der Mutter das Haus verlassen. Es wurde von den Amerikanern besetzt. „Da Durchgangsverbot herrschte, konnten wir nur im Haus gegenüber Unterkunft suchen, wo uns Frau Bolle sehr freundlich aufnahm. Bei der schnellen Räumung hatten wir nichts an Sachen mitnehmen können. So schlug meine Mutter vor, dass wir gemeinsam zu unserer Wohnung gehen und bitten, einige wichtige Dinge mitzunehmen.“ Ihre Mutter setzte große Hoffnung auf das Schulenglisch von Irmgard. „Eigentlich gab es dann auch keine Probleme und wir konnten schnell einiges an Garderobe und dergleichen zusammensuchen.“

Doch dann passierte das, wovon Irmgard Cotte zu dieser Zeit häufig hörte und was ihr die Angst durch den Körper trieb. Ein Amerikaner packte das Mädchen im elterlichen Schlafzimmer fest am Arm, als sie Sachen verpacken wollte. Sie war mit dem Soldaten allein im Raum. „Wahrscheinlich wäre das sehr schlimm für mich ausgegangen, und ich wehrte mich verzweifelt.“ Sie gab dem amerikanischen Soldaten eine schallernde Ohrfeige. Der Soldat zögerte nicht lange und griff zur Waffe. „Dann klatschte etwas.“ Ein weiterer Soldat schlug ihm die Waffe aus der Hand, bevor er einen Schuss abfeuern konnte. „Es war ein Amerikaner, der Deutsch sprach und uns riet, diese Gegend in nächster Zeit zu meiden.“

Schule wurde Lazarett

Die tägliche Ausgehzeit war inzwischen verlängert worden. Irmgard Cotte und ihre Familie fanden Unterkunft bei ihrer Tante, die gegenüber der Jahnschule einen Laden besaß. Die Jahnschule war inzwischen Lazarett für amerikanische Soldaten geworden.

„Meine Tante wollte unbedingt Englisch lernen und hatte mich als ‚Lehrerin“ auserwählt. Sie nervte mich ziemlich damit. Und als sie unbedingt eine nette Begrüßungsformel von mir erfahren wollte, sagte ich, sie solle ‚you are mad‘ sagen, was ja ‚du bist verrückt‘ heißt.“ Kurz darauf klingelten zwei amerikanische Soldaten bei der Tante. Diese zögerte nicht lange und wollte mit ihrer frisch erlernten Begrüßung punkten. „Sie verstand überhaupt nicht, warum die beiden Amerikaner so böse wurden. Das hatte ich so nicht gewollt.“ Auch wenn Irmgard Cotte heute in diesem Zusammenhang ein kleines Schmunzeln über die Lippen geht, weiß sie nun genau, in welche Gefahr sie ihre Tante ungewollt gebracht hat.

Seuchenschutz

Nach einigen Wochen konnte Irmgard Cotte mit ihrer Familie zurück in die Wohnung an der Hoyersburger Straße. Doch was sie vorfanden, stellte die Familie abermals vor Herausforderungen. „Vieles war zerstört. Die Speisekammer war meterhoch voller Schmutz, Lebensmittel angehäuft und mit Wasser übergossen, so dass nichts zu verwerten war. Der Keller war voller Wasser gelaufen. Darin schwammen Möbel und Türen. An der Straße wurde ein Berg von Lebensmitteln mit Benzin übergossen und angezündet.“ Heute vermutet sie, dass dies zum Seuchenschutz geschah.

„Aber der Krieg war vorbei, und wir erfuhren von den Verbrechen der Nazis.“ Vorher habe sie von den Gräueltaten der Faschisten nichts gewusst. Nun aber waren sie präsent. Im Radio, in der Zeitung. „Furchtbar und ekelhaft“, bringt es die Seniorin heute auf den Punkt.

Erinnerungen werden blasser

Ihr Cousin Jürgen Schnerk geht um den Holztisch im Pflegeheim und macht noch ein paar Erinnerungsfotos für das Familienalbum. Dann bringt er Irmgard Cotte in ihrem Rollstuhl zurück in ihr Zimmer. Ein paar Senioren würfeln noch immer an einem Tisch, auch ein älterer Herr schaut immer noch starr aus dem Fenster. Als wäre die Zeit nicht vergangen.

Aber doch, die Zeit ist für Irmgard Cotte spürbar vergangen. „Ich bin nicht mehr so fit, manche Sachen werden blasser“, sagt sie auf dem Weg zu ihrem Zimmer. Doch so blass manch‘ Erinnerung auch sein mag, die Geschehnisse am Salzwedeler Bahnhof vom 22. Februar 1945 und das Kriegsende wird die 89-Jährige wohl nie vergessen. Es ist nicht nur ein Teil der Salzwedeler Geschichte, es ist auch ein Teil ihrer Geschichte, ihrer Vergangenheit.