Salzwedel l Als Joachim Mikolajczyk Ende der 1980er-Jahre im kulturellen Bereich der Hansestadt Salzwedel Verantwortung übernahm, da war vieles im Wandel. „Es war die spannendste Zeit überhaupt“, sagt der geborene Kerkuhner heute über die Zeit bis zur Wende. Nach mehr als 30 Jahren im Kulturamt und -betrieb der Stadt – die Bezeichnung wechselte mehrfach – verabschiedete sich der 64-Jährige Anfang April in den Ruhestand. Ein Macher, der in Sachen Kunst und Kultur eine Lücke in der Stadtverwaltung hinterlässt.

Erste Schritte im Hanseat

Dabei war „Miko“, wie er von vielen Bekannten gerufen wird, ausbildungstechnisch gar nicht auf diesen Bereich gepolt. Er arbeitete zunächst in der Pumpenfabrik und absolvierte später ein Fernstudium an der FH Wernigerode zum Agrar-Ingenieur Tierzucht. Nach Hochzeit und Umzug 1980 nach Salzwedel machte Joachim Mikolajczyk die ersten Schritte im künstlerischen Bereich – wie so viele im Club Hanseat. „1983 habe ich dort zusammen mit Michael Wolter den Jazz-Club gegründet“, erinnert er sich mit Freude zurück. Auf ein Lieblings-Musikgenre will sich Mikolajczyk aber nicht festlegen – „wenn es nicht gerade Schlager oder Volksmusik ist.“

Über die Mitarbeit im Hanseat ergab sich der Sprung in die Verwaltung. „Es wurde jemand für die Mönchskirche gesucht“, erinnert sich Mikolajczy. 1987 fing er als Abteilungsleiter für den Veranstaltungsort Mönchskirche an. Er organisierte Ausstellungen, absolvierte 1989 noch einen Galerie-Lehrgang in Magdeburg. „Doch das Zertifikat war sehr schnell nichts mehr wert.“

Dann ging alles sehr schnell, berichtet der 64-Jährige von den Zusammenkünften des Neuen Forums in der Katharinenkirche oder der Podiumsdiskussion im Kulturhaus. „Die Diskussion wurde heimlich mitgeschnitten und plötzlich war das Band alle“, beschreibt er eine der spannenden Begebenheit jener Zeit.

Mauerfall

Mit dem Mauerfall wurden dann die ersten Kontakte ins nahe Wendland geknüpft. Da nennt Mikolajczyk als Beispiel den Kulturverein Platenlaase. Vieles schlief später wieder ein, ist der ehemalige Kulturamtsleiter im Nachgang noch etwas enttäuscht.

Das Amt für Schulen, Sport, Kultur und Fremdenverkehr übernahm er dann Anfang der 1990er-Jahre. „Das ging alles sehr schnell. Die Struktur des Amtes wurde ja noch mehrfach verschoben“, erzählt er weiter. Doch eines sei bei der Kulturarbeit besonders gewesen: „So frei wie damals, waren wir noch nie.“ Dabei sei es auch ein Riesenglück gewesen, dass das Kulturhaus in städtischer Hand blieb. „Auch wenn es natürlich stark sanierungsbedürftig war“, erinnert er sich. Viele Landkreise trennten sich damals aus Kostengründen von den Veranstaltungsräumen.

Die inhaltliche Freiheit nutzten Joachim Mikolajczyk und die Mitarbeiter des Kulturamtes voll aus. „Nach acht Stunden Feierabend hatten wir in unserem Bereich eigentlich nie.“ So nennt er mit etwas Wehmut in der Stimme die Reihe „Kontraste“, bei der – immer im Herbst – verschiedene Angebote von Klassik über Jazz bis zu Chorgesang aufeinandertrafen. „Das hat ein paar Jahre gut funktioniert.“

Teamarbeit

Alles habe aber nur in Teamarbeit geklappt, betont Mikolajczyk und nennt beispielhaft Michael Tunger und Marian Stütz. So sei auch die Idee für die Neuauflage des Parkfestes entstanden. „Da hat jeder seine persönlichen Vorstellungen mit eingebracht.“

Mit der Band „Walkabouts“ startete 1994 die Parkfest-Reihe, die heute noch bei vielen Salzwedelern und Altmärkern für schöne Erinnerungen sorgt. Sonnabends Rock, sonntags Mainstream – davor und dazwischen viel Platz für Newcomer, auch mal Hardcore und Punk oder Jazz und Blues. So beschreibt Joachim Mikolajczyk das Erfolgsrezept des Festivals.

Nina Hagen

Und die Bands, die bis Anfang der 2000er-Jahre ins kleine Salzwedel kamen hatten Rang und Namen. Nina Hagen, In Extremo, Marianne Rosenberg, Heinz-Rudolf Kunze oder die Prinzen – die Liste der Stars ist lang. Mit dem einen oder anderen blieb auch Zeit für ein Bierchen am Rande der Bühne. „Man konnte sehr gut unterscheiden, ob man einen Draht zu den Künstlern findet“, sagt der ehemalige Kulturchef heute. So gab es lange Gespräche mit Amerikanern, aber auch die total abgeschirmte Nina Hagen zu erleben. „Viele sind aber Leute wie du und ich“, überwiegen die positiven Erlebnisse mit den Künstlern.

„Ich habe Kultur nie als freiwillige Aufgabe empfunden. Ich habe davon und dafür gelebt“

Mehr als positiv war zum Beispiel die Verpflichtung von Reamonn für das Festival im Jahr 2000. „Die hatten da gerade ihren bundesweiten Hit“, erzählt Mikolajczyk von diesem Glückstreffer. So wurde in Salzwedel „Supergirl“ gespielt, während das Lied gerade an der Chartspitze thronte.

Joe Cocker

Außerhalb des Parkfestes war natürlich der Auftritt von Joe Cocker im Jahr 2005 ein persönliches Highlight für den Kulturchef. „Für einen Salzwedeler Veranstalter war die Sache allein zu groß“, berichtet Mikolajczyk. „Dann haben wir rechtlich absichern lassen, ob wir als Kulturbetrieb mit Privatleuten zusammenarbeiten dürfen.“

Und sie durften. Der Weltstar kam in die kleine Stadt im Norden der Altmark. Drei, vier Veranstalter teilten sich am Ende das nicht zu unterschätzende finanzielle Risiko. Und auch mit Joe Cocker blieb Zeit für einen Plausch.

Mit dem Hansetag 2008 begann dann das Ende der Parkfest-Ära. „Es war damals schnell klar, dass das Hansefest weitergeführt werden sollte“, beschreibt Joachim Mikolajczyk die Situation. Das hat sich dann auch durchgesetzt.

Local Heroes

Davon abgesehen sieht der jetzige Ruheständler die Kulturszene der Hansestadt immer noch sehr gut aufgestellt, auch wenn ab und an wirtschaftliche Zwänge herrschen. „Das Hanseat, der Offene Kanal und local heroes sind unwahrscheinlich wichtig“, zählt Mikolajczyk drei Local-Player auf, deren Arbeit er sehr schätzt. Auch das Kunsthaus betrachtet er mit Freude. „Das ist für mich auch ein Kind des Hansetages 2008. Damals sind sehr viele Künstler auf Salzwedel aufmerksam geworden“, berichtet er auch von der ersten Ausstellung der „Broken brushes“ im Speicher am Nicolaiplatz.

Froh ist er auch über den Erhalt und die Sanierung des Kulturhauses. „Die Entscheidungen im Stadtrat waren immer dafür“, stellt er nüchtern fest. „Ich habe Kultur übrigens nie als freiwillige Aufgabe empfunden. Ich habe davon und dafür gelebt“, kann er sich einen Seitenhieb auf die Politik nicht ganz verkneifen.

Für die künftige Salzwedeler Kulturlandschaft wünscht sich Joachim Mikolajczyk, dass das aktuelle Niveau gehalten werden kann. Auch die Mönchskirche liegt ihm dabei am Herzen. „Die Vielfalt muss da sein. Das ist wichtig“, gibt er seinen Nachfolgern mit auf den Weg.

Mit seinem Ruhestand kann sich der 64-Jährige übrigens noch nicht so ganz anfreunden. „Ich bin noch in der Übergangssituation“, umschreibt es Joachim Mikolajczyk. Bei dem einen oder anderen Konzert, wird er sich sicher in Salzwedel sehen lassen.