Salzwedel l Die Nachricht war eingeschlagen wie eine Bombe: Wenn ein Lehrer es schafft, das Vertrauen seiner Schüler zu gewinnen, stehe das Fachwissen in der zweiten Reihe. Der Lernerfolg komme in diesen Fällen beinahe von selbst. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Erziehungswissenschaftlers Professor John Hattie. „Da ist etwas dran“, bestätigt Heike Herrmann. „Die meisten Lieblings-Lehrer zeichnen sich durch Kreativität, und das Interesse an ihren Schülern aus.“ Die Leidenschaft für den Beruf sei wichtiger als das Staatsexamen.

Heike Herrmann ist die Leiterin der Ganztags-Gemeinschaftsschule Gotthold-Ephraim-Lessing in Salzwedel. Zu ihrem Kollegium gehört seit Anfang März auch Dorian Koberstein. Letzterer ist kein gewöhnlicher Lehrer: Der 28-Jährige hat eine besonderes Angebot des Bildungsministeriums in Sachsen-Anhalt genutzt. Voraussetzungen für den Start in den Lehrer-Beruf sind ein Bachelor-Titel und die Möglichkeit, das Studium mit einem Fach aus dem Schul-Stundenplan in Einklang zu bringen. Im Falle von Dorian Koberstein hatte das Studium der Politikwissenschaften gut zu dem Schulfach „Sozialkunde“ gepasst.

Es gibt Unterschiede in Status und Geldbeutel

„Ich wollte schon mit acht Jahren Lehrer werden“, sagt Koberstein. Dem Traumberuf entgegengestanden hatte, dass der Einstieg ins Lehramt bislang an höherer Studienabschlüsse gebunden war: Interessenten müssen ein Lehramts-Studium abschließen, um dann ihren Vorbereitungsdienst, das sogenannte Referendariat, zu durchlaufen. Der bislang übliche „Quereinstieg“ richtet sich an Menschen, die die Universität mit einem Diplom oder den Titeln „Magister“ beziehungsweise „Master“ abgeschlossen haben. Letztere werden – entsprechend ihrer Fachkenntnisse – als Lehrer eingesetzt und haben die Möglichkeit, Beamte zu werden. Diese Chance bleibt den Seiteneinsteigern mit Bachelor-Abschluss verschlossen. Dass auch das Einkommen von Dorian Koberstein nicht an das seiner Kollegen heranreicht, ist dem jungen Mann egal.

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Die Entscheidung des Bildungsministers, einen „Seiteneinstieg“ für Bachelor-Absolventen zu öffnen, sieht Heike Herrmann positiv. Nach ihrer Erfahrung gelte es, die Leistungen von Universitäts-Absolventen ohne spezielle Ausbildung im Lehramt „differenziert“ zu betrachten. An der Lessing-Schule gebe es zwei weitere Quereinsteiger: „Im Fachwissen sind die Kollegen topfit“, sagt die Schulleiterin, der Alltag im Unterricht bestätige aber die Ergebnisse aus der Studie von Professor John Hattie. Es habe sich gezeigt, dass es für Quereinsteiger beinahe unmöglich sei, in Fragen von Methodik und Pädagogik mit den Lehrern Schritt zu halten, die ihren Beruf „von der Pike“ gelernt haben.

Mentoren-Programm hilft beim Start

„Es gibt einen Lehrgang in Merseburg, um fehlende Kennt- nisse bei der Gestaltung des Unterrichts und in der Lernbegleitung von Jugendlichen auszugleichen“, erzählt Heike Herrmann. Aber das sei kein Ersatz für die jahrelange Erfahrung, die angehende Lehrer während ihrer Ausbildung sammeln. Im Falle von Dorian Koberstein hatte das Coronavirus zudem einen vorläufigen Strich durch die Weiterbildung gezogen. Kurzerhand hatte die Schulleiterin die Zwangspause genutzt und ein „verkürztes Referendariat“ für den neuen Kollegen geplant. Zwei erfahrene Lehrer, Ellen Strömer und Florian Anderson, begleiten Dorian Koberstein seither auf seinem Weg in den noch ungewohnten Alltag im neuen Beruf.

Dass es für Lehrer nicht mehr damit getan ist, junge Menschen frontal, mit Lehrsätzen und Formeln zu langweilen, bestätigt Ellen Strömer. Wer seinen Beruf ernst nimmt, sei gefragt, auf jeden Schüler einzugehen, der Aufmerksamkeit braucht. Ein Lehrer höre zu, leite an und nutze das Maß an Offenheit, das ihm der Jugendliche in diesem Moment bietet. „Das hat nichts mit ‚Kuschel-Pädagogik‘ zu tun“, ergänzt Heike Herrmann: Wer von jungen Menschen einen respektvollen Umgang erwarte, müsse ihnen auf Augenhöhe begegnen. Ellen Strömer hatte noch vor der Corona-Pause damit begonnen, gemeinsam mit ihrem neuen Kollegen, eine Unterrichtsstunde für die achte Klasse vorzubereiten: Die Aufteilung in Parallelklassen und besondere Unterrichtsformen an der Lessing-Schule erlauben es, dass Dorian Koberstein den ersten Durchgang des Unterrichtes als „Beifahrer“ seiner Mentorin erlebt. Bei dem zweiten Durchgang, in der Parallelklasse, steht der junge Lehrer selbst vor der Klasse. Die Zwangspause der vergangenen Wochen hatten Strömer, Anderson und Koberstein genutzt, um neue Unterrichtsformen zu besprechen und Ideen zu entwickeln, die jungen Menschen an der Lessing-Schule helfen sollen, leichter zu lernen.

„Unsere Schüler werden Dorian lieben“, ist Heike Herrmann überzeugt: „Wir waren uns beim ersten Telefonieren sympathisch.“ Und weil an der Gemeinschaftsschule nicht nur ein Lehrer in Soziologie, sondern auch im Fach Deutsch gesucht wurde, hatte die Direktorin dem Ministerium eine entsprechende Stelle gemeldet. Nach einer Vorstellungsrunde mit Pädagogen und Beamten war schnell eine positive Entscheidung gefallen: Die Idee, das Lehramt in Sachsen-Anhalt für Seiteneinsteiger wie Dorian Koberstein zu öffnen, sei, ist Heike Herrmann überzeugt, „die beste Idee, die der Minister je hatte“.