Salzwedel l „Ich muss wohl ein Gen von meiner Mutter geerbt haben“, erzählt Günter Brennenstuhl schmunzelnd, als er gefragt wird, warum ihn die Natur und speziell die Pflanzen so faszinieren. Seine Mutter, fügt er hinzu, habe gern im Garten gearbeitet und kannte ein paar Pflanzen. Das habe er sich abgeguckt.

Am 16. September 1938 in Kolberg im damaligen Pommern zur Welt gekommen, habe er schon während der Kindheit einen „ausgeprägten Sammeltrieb“ entwickelt. Im Winter habe er eine Knospensammlung angelegt. Und er habe aus jedem Baum ein Stück Borke herausgetrennt und diese wohl sortiert aufbewahrt, erinnert er sich.

Interesse für Heilkräuter

Während der Schulzeit - die Familie musste raus aus Pommern und landete nach einem kurzen Intermezzo in Lübeck bei Verwandten in Freyburg - habe er eine Maus seziert, statt Matheaufgaben zu lösen. Und er habe zwischen dem Mittagessen und den Arbeitsstunden Pflanzen gesammelt und ihre Namen mit Hilfe seines ersten eigenen Buches, einem Bestimmungsbuch, ermittelt. „Eigentlich wollte ich Biologie studieren“, erinnert sich Günter Brennenstuhl, der 1957 sein Abitur ablegte. Doch die Studienplätze seien so begehrt gewesen, dass er sich keine Chance ausgerechnet habe. Also bewarb er sich für ein Pharmazie-Studium an der Friedrich-Schiller-Universität Jena - und wurde sofort angenommen. „In Sachen Heilkräuter ergänzen sich Biologie und Pharmazie hervorragend“, beschreibt er seine Wahl.

Vor lauter Labortätigkeit, Mikroskopie, Seminaren und intensivem Lernen vergaß Günter Brennenstuhl, sich um einen Arbeitsplatz in der näheren Umgebung zu bewerben. Aber es habe eine Liste aus der ganzen Deutschen Demokratischen Republik gegeben, wo Stellen frei waren. „Ich sah einen schönen grünen Fleck. Da musste viel Natur sein“, erinnert er sich an seine erste Begegnung mit Haldensleben auf der Landkarte. Er schickte ein Bewerbungstelegramm und konnte am 1. September 1962 in einer dortigen Apotheke anfangen. Bald kam der Wunsch auf, sich zu verändern. Und der Zufall ermöglichte das: „Der Kreisapotheker aus Salzwedel hat sich bei uns die Hände gewaschen und bot mir an, die Leitung der gerade verstaatlichten Albrecht-Apotheke in Salzwedel zu übernehmen.“ Mit seiner Verlobten habe er sich die Stadt angesehen - bei Regen und Wind. Kein einladender erster Eindruck. Doch er entschied sich, am 1. September 1965 hier anzufangen. Vier Jahre später übernahm er den Posten als Kreisapotheker, den er bis zur Wende ausübte.

Einst zentraler Einkauf

Am 1. Januar 1978 wurde das pharmazeutische Zentrum im Gebäude der heutigen Adler-Apotheke gegründet, ein Zusammenschluss der damaligen Kreise Salzwedel, Gardelegen, Klötze und Kalbe. Günter Brennenstuhl wurde der Direktor. „Das war keine schlechte Geschichte. Die Apotheken waren selbstständig. Wir haben aber den zentralen Einkauf, die Analytik, das Herstellen von Salben koordiniert“, blickt er zurück. Verantwortlich sei das Zentrum, das später in Versorgungszentrum mit Medizintechnik umbenannt und auch für die Krankenhäuser zuständig war, für 150 Mitarbeiter und 15 Apotheken gewesen. Und das bis zur Wende. „Dann haben wir mit eigenen Händen das zerschlagen, was wir aufgebaut hatten“, sagt Günter Brennenstuhl etwas wehmütig.

Er habe sich mehr der Botanik, seinem Hobby, zugewandt. Fürs Umweltamt habe er Dokumente zum Unterschutzstellen einstweiliger Naturschutzgebiete erarbeitet, sei im einstigen Grenzgebiet zwischen Waddekath und der Wirlspitze bei Arendsee jede Strecke abgelaufen. Für das Landesamt für Umwelt Halle habe er zum Thema selektive Biotopkartierung gearbeitet. „Ich bin Strukturen abgewandert, die auf Karten oder Luftbildern verdächtig ausgesehen haben und noch nicht erforscht waren. Dazu gehörte unter anderem der ganze Drömling, aber auch Bereiche um Arendsee, Riebau und Kakerbeck“, erinnert sich Günter Brennenstuhl. Nach einer kurzen Rückkehr in die Pharmazie sei er 2003 in Rente gegangen.

Fachliteratur gelesen

Der Salzwedeler erhoffte sich Zeit zum Lesen. So richtig viel Bücher hat er in den 15 Jahren noch nicht geschafft. Das Schmökern umfasst vor allem Fachliteratur. Denn jetzt hat er Zeit, die Natur noch intensiver zu betrachten. Günter Brennenstuhl hat an einem Verbreitungsatlas für Farne und Blütenpflanzen mitgearbeitet. Dieser soll nun, auf Sachsen-Anhalt bezogen, erarbeitet werden. Der Salzwedeler ist immer noch dabei, dafür Daten zu sammeln. Im nächsten Jahr soll eine neue Rote Liste für Farne und Blütenpflanzen herausgegeben werden. „Ich gehe alle relevanten Punkte ab, wo solche seltenen Arten bekannt waren, prüfe, ob die Pflanzen noch vorhanden und weg sind“, erzählt er. Das Messtischblatt von Salzwedel enthalte mehr als 80 Fundpunkte. „Eigentlich ist das eine furchtbare Arbeit, dann endgültig festzustellen, was alles verschwunden ist“, merkt er an. Worin liegen die Ursachen? „Der Mensch ist hauptsächlich Schuld“, ist seine knappe Antwort, die er wie folgt begründet: Durch den Düngereintrag der Landwirtschaft würden empfindliche Pflanzen verschwinden. Diese seien auch gefährdet, wenn Flächen einfach sich selbst überlassen würden. „Zwischen Stappenbeck und Pretzier hat es in einem Wäldchen mal Primeln gegeben. Jetzt herrschen dort Brennnesseln und Disteln vor. Die Primeln haben keine Chance“, sagt er.

Wissen wird publiziert

Sein gesammeltes Wissen schreibt er auf und publiziert es. Die Anfänge gab es während seiner Haldensleben-Zeit, wo er für die Museumszeitschrift Wissenswertes zugeliefert habe. Aber auch für die Volksstimme hat er schon unzählige Beiträge geschrieben, um auf Besonderheiten in der Natur aufmerksam zu machen und für deren Erhalt zu werben. „Es sind oft vier, fünf Themen, an denen ich gleichzeitig arbeite. Meist kommen dabei neue Ideen“, schildert Günter Brennenstuhl, der sich nicht nur durchs Fahrradfahren („zwischen 3000 und 4000 Kilometern im Jahr“), sondern auch durch Walking (zweimal pro Woche) fit hält.

Bei thematischen Exkursionen weist er gern auf die Raritäten in der Natur hin. „Wenn der Unterschied zwischen der Melde und dem Weißen Gänsefuß hängen geblieben ist, habe ich schon etwas erreicht“, sagt der Salzwedeler augenzwinkernd. Er wünscht sich, dass ihm noch Zeit bleibt, um weiter auf Spurensuche in die Natur zu gehen. Mit fast 80 fühlt er sich noch jung genug dafür.