Salzwedel l „Wir standen 2015 vor einer riesigen Aufgabe“, sagte Landrat Michael Ziche am Dienstagmittag in der „Alten Münze“ in Salzwedel. „Und wir waren darauf nicht vorbereitet.“ Ziche sprach bei der Tagung „Mut auf Zukunft – Migration und ehrenamtliches Engagement im Altmarkkreis Salzwedel“. Der Kreischef betonte, dass die Aufnahme der zahlreichen Flüchtlinge bis heute – dank des großen Engagements vieler Ehrenamtlicher – „gut gelungen“ sei.

An der Tagung in Salzwedel nahmen zahlreiche der Helfer teil, die seit 2015 neben den Behörden viele Aufgaben im Bereich der Aufnahme von Flüchtlingen schultern. Darunter Integrationslotsen des Kreises und Helfer der Flüchtlingshilfe der Diakonie. Rund 40 der Altmärker wurden im Vorfeld von Dominique Pannke und Christian Konrad, Berater am Kompetenzzentrum Kommunale Konfliktberatung des VFB Salzwedel, befragt. Ihre Erfahrungen und Erlebnisse flossen in eine Studie ein, deren Zwischenergebnisse Pannke am Dienstag vorstellte.

Eine erste Schlussfolgerung daraus: „Die ehrenamtliche Arbeit ist ein fragiles System und trägt gleichzeitig einen bedeutenden Teil der Integrationsarbeit“, so Dominique Pannke. Sie berichtete davon, dass viele Ehrenamtliche sehr engagiert mithalfen, aber die Zahl der Helfer natürlich begrenzt sei. „Es sind auch welche ausgestiegen“, betonte die Beraterin.

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An Belastungssgrenze gekommen

Einig waren sich Landkreis und Ehrenamtliche, dass die Aufgabe der Aufnahme der Flüchtlinge dennoch gelungen sei. Als „familiär chaotisch“ beschrieb Pannke die Zeit im Herbst 2015. Dabei seien viele Helfer auch an ihre Belastungsgrenze gekommen. Zudem mussten sie teils die kritische Frage aus dem persönlichen Umfeld hören: „Warum engagiert ihr euch für Integration?“

Inka Ludwig, Integrationskoordinatorin, hatte zuvor aktuelle Zahlen zu Flüchtlingen im Altmarkkreis präsentiert. Anschließend berieten die Akteure in vier Gruppen zu Themen wie Jugend, Hindernisse für Integration oder Zusammenarbeit zwischen Behörden und Helfern.

Deutschunterricht parallel

Carsten Ahlborn, Sozialarbeiter an der Salzwedeler Comeniusschule, stellte die Ergebnisse der Gruppe zum Thema Jugend vor. Aus seiner Erfahrung im Schulalltag berichtete er, dass Kinder aus Flüchtlingsfamilien derzeit parallel zum normalen Unterricht Deutsch lernen. „Sie lernen die ersten Schritte beim rennen“, machte Ahlborn deutlich. Der Sozialarbeiter verwies auf das kanadische Modell, wo Flüchtlinge zunächst ein Jahr Unterricht in der Landessprache bekommen und dann in eine Schulklasse kommen.

Dort griff Landrat Michael Ziche ein. „Wir müssen uns auf unsere Ressourcen fokussieren“, bezweifelte der Kreischef, dass die Lehrerzahl kurzfristig erhöht werde. Es bliebe derzeit nichts anderes übrig, als bestehende Möglichkeiten zu nutzen. Ahlborn ließ nicht locker und nannte den Spracherwerb, als Schlüssel zum Schulerfolg und auch zur Integration.

Austausch einseitig

Zwischenzeitlich hatte Azzam Moustafa aus Syrien Einblicke in die Perspektive der Ankommenden gegeben. Meist sei der Austausch von Einheimischen und Flüchtlingen – er nannte das Beispiel Begegnungscafé – sehr einseitig. So erzählte der Flüchtling seine Geschichte, traue sich aber nicht, selbst Fragen an seinen Gegenüber, den Einheimischen, zu stellen. Der Syrer sprach von „Machtgefälle“, das für Hemmungen sorge. „Ich glaube aber, es kann konstruktiver werden“, war Moustafa optimistisch.

Auch Evelyn Ruppert-Schulze (Flüchtlingshilfe der Diakonie) berichtete von unterschiedlichen Erwartungen. „Wir bieten Gespräche an und der Geflüchtete fragt: ‚Kannst du mir Arbeit geben?‘“, nannte sie ein Beispiel. Der Diskurs in der „Alten Münze“ wurde in allen Bereichen kontrovers geführt. Ziel waren dabei auch Ideen für die weitere Arbeit. „Der Prozess der Integration ist eine langfristige Aufgabe“, hatte Michael Ziche schon einleitend betont.