Salzwedel l Eigentlich könnte sich der Salzwedeler Otfried Bonnes beim Blick vom heimischen Balkon auf die Jeetze unweit der Alten Münze täglich über ein kleines Naturschauspiel freuen. Eine ganze Nager-Familie wuselt hier munter durcheinander, labt sich an dem offensichtlich von Menschenhand bereit gestellten Futter. Doch die Freude des Salzwedelers darüber hält sich in überschaubaren Grenzen.

„Die Tiere haben bereits deutlich sichtbare Spuren an und in der Uferbefestigung hinterlassen“, stellte Bonnes fest. Dass Nutrias durchaus problematische Flussanwohner sind, kann Uwe Heinecke nur bestätigen. „Sie sind mittlerweile ein großes Problem. Wegen der Fütterung gerade in Orts- und Stadtlagen fühlen sich die Tiere recht wohl. Ihre weitreichenden Baue können den Uferbereich regelrecht unterhöhlen“, weiß der Mann vom Unterhaltungsverband Jeetze.

Keine Feinde in Sicht

Dank der guten Umweltbedingungen vermehren sich Nutrias fleißig. Sie leben monogam und können sich zu jeder Jahreszeit fortpflanzen. Nach einer Tragzeit von 19 Wochen bringt das Weibchen sechs bis acht Junge zur Welt, die nach fünf Monaten geschlechtsreif sind. Zwei bis drei Würfe pro Jahr sind möglich. Da Nutrias zu den zugewanderten Arten zählen, haben sie keine natürlichen Feinde. Nur ein starker Winter mit langen Frostperioden könnten den ursprünglich aus wärmeren Gefilden stammenden Tieren zusetzen.

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Eine Gefahr bilden Nutrias für Haustiere. Insbesondere für Hunde, die ihren Jagdtrieb ausleben, sind die wehrhaften Großnager mit ihren scharfen Zähnen ein mehr als ebenbürtiger Gegner. Ihren Weg nach Deutschland fanden Nutrias in zwei Wellen. In den 20er-Jahren siedelte man im Ruhrgebiet die Tiere an. Sie sollten Schilf und anderen Bewuchs in Gewässern klein halten.

Zucht wurde gefördert

Die DDR förderte die Zucht von Nutrias aufgrund der hochwertigen Felle und des Fleisches. Mit der Wende wurde die Zucht unattraktiv. Viele Halter entließen die Tiere in die Freiheit. Die Folgen sind von Jahr zu Jahr mehr zu spüren. Die Nutriabestände haben sich deutschlandweit von 2006 bis 2016 verdoppelt. Allein im Nachbarbundesland Niedersachsen ist die Population zwischen 2013 und 2016 von 4000 auf 24 000 Tiere angestiegen. Für die Altmark gibt es zwar keine exakten Zahlen, doch gehen die Experten auch hier von einer Vervielfachung der Bestände aus.

Deshalb haben die Unterhaltungsverbände altmarkweit dem Nager, der auch Biberratte genannt wird, den Kampf angesagt. Vorrangig geht es darum, die Population der ursprünglich aus Südamerika stammenden und in Mitteleuropa längst eingebürgerten Tierart einzudämmen. „Wir zahlen seit einigen Jahren eine Entnahmeprämie an Jagdpächter aus“, sagte Uwe Heinecke. Das hält auch der Unterhaltungsverband Milde/Biese so. Ein Fakt den Kreisjägermeister Ulrich Brückner sehr begrüßt. Viele Waidmänner engagierten sich intensiv dafür, die Population im Zaum zu halten. „Ich kenne Jäger, die 40 bis 50 Nutrias pro Jahr mit der Falle fangen“, erklärt er. Die Fallenjagd sei die bevorzugte Methode, um der Tiere habhaft zu werden. Sie sei aber auch sehr aufwändig. Die Fallen müssen, um sie waidgerecht zu betreiben, jeden Tag kontrolliert werden. „Wir entnehmen eine Wildart und sind dabei natürlich dem Tierschutz verpflichtet“, sagt er. So gebiete es die Jagdethik.

Bitte nicht füttern

Wie wohl sich die Nager im Altmarkkreis fühlen zeigt die Strecke, also die Zahl der erlegten Tiere. Betrug sie 2013/2014 noch 439 Nutrias, so sind es im aktuellen Jagdjahr 2019/2020 bereits 3417 (siehe Infokasten). Diese Steigerung lasse erkennen, wie hoch die Reproduktionsrate im Verhältnis zur Sterblichkeit ist, heißt es von der unteren Jagdbehörde.

Nicht nur Nutrias sondern auch Marderhunde, Minke und Waschbären richten als nicht heimische Tiere in der Natur Schaden an, sie stellen unter anderem eine Gefahr für boden- und baumbrütende Vogelarten dar. Diese so genannten Neozoen stehen ebenfalls im Fokus der Jägerschaft.

Eine Fütterung der Nutrias, wie in Salzwedel an der Jeetze, steht den Bemühungen der Jäger entgegen und sollte unbedingt unterbleiben.