Salzwedel l Die Bundesagentur für Arbeit und das Landessozialministerium haben eine Hotline gegen den Pflegenotstand gestartet. Aufgerufen sind auch berufsfremde Personen, beispielsweise bei Corona-Schnelltests zu helfen. Salzwedeler Pflegeheimbetreiber sehen diesen Vorstoß skeptisch.

Schon gut vier Wochen gibt es die Hotline gegen den Pflegenotstand. Dort können sich Menschen melden, die bereit sind, in von akuten Personalengpässen betroffenen Einrichtungen mitzuarbeiten, teilt die Regionaldirektion Sachsen-Anhalt - Thüringen der Bundesagentur für Arbeit mit. Mit der gemeinsamen Aktion mit dem Sozialministerium sollen betroffene Heime schnelle Unterstützung erhalten. Gesucht werden auch Freiwillige, die sich eine Beschäftigung in der Pflege vorstellen können. Dabei gehe es nicht nur um Fachpersonal.

„Wir wollen auch Arbeitslose, Menschen in Kurzarbeit und Freiwillige mit anderem beruflichen Hintergrund, wie Friseurinnen und Friseure oder Baumarktverkäuferinnen und –verkäufer ansprechen“, erklärt Markus Behrens, Geschäftsführer der Regionaldirektion in einer Mitteilung. Diese können zum Beispiel das Fachpersonal bei Antigen-Tests und der Organisation von Corona-Schutzimpfungen unterstützen und entlasten.

Ein Ansinnen, dass sich Bernd Frommhagen, Chef der Senioren- und Pflegepension Birkenhof in Salzwedel, eher nicht vorstellen kann. „Wir brauchen examiniertes Personal“, sagt er im Gespräch mit der Volksstimme. Nur das könne die Tests vornehmen. Denn dazu brauche es ein hohes Maß an medizinischen Vorkenntnissen. Bis zu 20 Minuten dauere ein Test. Zeit, in der die Pflegekräfte ihrer eigentlichen Arbeit nicht nachkommen können. Aber Laien dafür einzustellen, komme für ihn nicht in Frage. „Davon halte ich gar nichts“, sagt er. Pflege sei Vertrauenssache, die nur von Fachkräften übernommen werden könnte. „In Spanien braucht man Abitur, um eine Ausbildung in der Pflege absolvieren zu können“, zeigt er auf, welche hohen fachlichen Voraussetzungen erforderlich sind.

Ausbildung erforderlich

Gleiches gelte für die Betreuungskräfte. Das seien Mitarbeiter, die nicht in der eigentlichen Pflege tätig sind, sondern mit den Heimbewohnern ihre Freizeit gestalten, mit ihnen lesen, spielen, spazieren gehen und andere Alltagsdinge erledigen. Dafür sei eine einjährige Ausbildung erforderlich. Damit Ehrenamtliche oder Berufsfremde zu beaufragen, könne er nicht gutheißen. „Wir haben die Verantwortung und haften“, betont er. Außerdem sei es momentan geboten, den Zugang von außen, so weit wie möglich einzuschränken. Den Vorstoß der Arbeitsagentur hält er für verfehlten Aktionismus. Vielmehr sollte die Politik langfristig daran arbeiten, dass junge Leute nicht abwandern, sondern sich in der Region ihren Lebensmittelpunkt suchen. Dann entspanne sich auch die Fachkräftesituation.

Mitarbeiter, die nicht aus der Branche sind, einzusetzen, kann sich auch Rüdiger Seide vom Seniorenzentrum Jeetzeblick in Salzwedel nicht vorstellen. Und schon gar nicht für die Antigen-Schnelltests. Das könne keiner mal eben schnell lernen. Zumal es dabei gelingen müsse, das entsprechende Zellmaterial aus Nasen und Rachenraum zu gewinnen. Eventuell könnten freiwillige Helfer bei administrativen Aufgaben, wie der Dokumentation unterstützen, schätzt er ein.

Hohe Arbeitsbelastung

Der Aufwand und die Arbeitsbelastung seien aktuell hoch, trotzdem könnten nur Menschen mit einer pflegerischen Ausbildung oder jene, die schon einmal in dem Bereich gearbeitet haben, wirklich Abhilfe schaffen. Denn der Job bringe auch eine hohe psychische Belastung mit sich. Zudem sei es eine „hohe Kunst“ Arbeitsabläufe und Pläne so zu gestalten, „dass jeder reinpasst“. Für Ehrenamtliche ließen sich unabhängig davon Aufgaben finden. „Sie sind gern willkommen“, sagt er.

Von außen komme momentan niemand, der nicht unbedingt muss, ins Heim. Für Besuche sind zwei Container aufgestellt worden, in denen sich die Bewohner mit ihren Angehörigen, nach negativem Testergebnis treffen können.

„Bezüglich berufsfremden Personen im Einsatz mit Antigen-Schnelltest haben wir eine hohe Skepsis“, sagt auch Jürgen Letzas, Leiter des Pflegeheims Am Karlsturm. Es handele sich immerhin um einen komplexen Eingriff, bei diesem Schäden an den Schleimhäuten entstehen können. Deshalb dürften nur Pflegekräfte zum Teststäbchen greifen.

Lage angespannt

Von einem akuten Personalmangel sei seine Einrichtung aktuell verschont, die Lage aufgrund der Pandemie aber angespannt. Die Arbeitsbelastung habe sehr erhöht, täglich steige die Gefahr und die Angst einer Infektion in der Einrichtung. „Die Mitarbeiter geben ihr Bestes und tragen während der gesamten Versorgung von Pflegebedürftigen FFP2 Mund- und Nasenschutz“, erklärt Letzas.

Bewohner, die neu einziehen oder aus einem Krankenhaus kommen, würden für 7 bis 14 Tage isoliert, das erhöhe den Bedarf an Betreuung erheblich. Zudem gelten der Schutz vor weiteren Infektionskrankheiten und die damit verbundenen Hygienevorschriften.

Um Kontakte zu ermöglichen, werde jeder Besucher der Einrichtung von speziell geschultem Personal getestet, nur nach negativen Ergebnis sei der Zutritt gestattet. „Hierbei stoßen wir oft auf Unverständnis von Angehörigen, hier würden wir uns eine größere Akzeptanz wünschen“, sagt der Heimleiter.