Salzwedel l Katharina Heintz aus Drebenstedt, Jeremias Neumann aus Packebusch, Tim Reß aus Gardelegen und Dominik Rupnow aus Genzien atmen durch: Soeben hat Lars Peters, Vorsitzender der Prüfungskommission, in der Pausenhalle der Berufsbildenden Schulen (BBS) Salzwedel verkündet, dass bei der Bewertung der Gesellenstücke keiner durchgefallen sei. „Die Theorieprüfung war wohl schwer“, merkt er an, nachdem er sich zuvor die Noten angeschaut hatte. Doch in der Summe heißt es für das Quartett: Die Vier haben bestanden.

Damit geht für die jungen Leute eine dreijährige Ausbildung im Handwerk zu Ende. „Ich habe in der Berufsschule ein Berufsvorbereitungsjahr gemacht, weil ich nicht so richtig wusste, wie es weitergehen soll“, erzählt Jeremias Neumann. Da habe er mit Metall, aber auch mit Holz gearbeitet, ein Praktikum gemacht. Und er hat sein Herz an das Naturmaterial verloren. In der Tischlerei Kern in Gardelegen hat er viel beigebracht bekommen. „Der Beruf ist flexibel. Man arbeitet mit Kunststoff und Holz. Kein Tag ist wie der andere“, beschreibt der Packebuscher. Der Chef habe ihn schon gefragt, ob er weiter mitarbeiten wolle. „Erst wollte ich die Prüfung bestehen. Jetzt kann ich Ja sagen“, sagt Jeremias Neumann, der eine Haustür als Gesellenstück gefertigt hat – für sich selbst.

Mega-schwerer TV-Schrank

Auch Katharina Heintz aus Drebenstedt ist den Weg über das Berufsvorbereitungsjahr gegangen. Die Arbeit mit Holz habe sie fasziniert. In der Tischlerei Helmecke in Schadeberg hat sie eine Lehrstelle gefunden. „Ich würde schon gern bleiben. Aber die Gespräche gibt es erst noch“, erzählt die junge Frau, die sich über den Glückwunsch ihres Chefs per Handy zur bestandenen Gesellenprüfung sehr freut. „Für mich war von Anfang an klar, dass ich die Ausbildung durchziehe“, sagt sie. Mädchen seien in dem Beruf immer noch selten. Mancher Kunde sei skeptisch, ob sie auch schwere Teile tragen könne. Aber das sei für sie kein Problem. Ihr Gesellenstück, einen TV-Schrank, hat sie aus Eiche gefertigt. Er ist fürs eigene Zuhause gedacht. „Aber ich habe vorher nicht gewusst, dass er so mega-schwer wird“, fügt sie hinzu.

Tim Reß hat im Jugendförderungszentrum Gardelegen das Tischlerhandwerk gelernt und wird dort heute seinen Arbeitsvertrag unterschreiben. „Mein Ziel war es immer, ein Handwerk zu erlernen“, sagt der Gardelegener. In seiner Freizeit habe er viel mit Holz zu tun, interessiere sich auch für Waldtechnik. Da habe sich die Ausbildungsrichtung so ergeben. Als Gesellenstück hat er übrigens einen Schreibtisch angefertigt.

Brand zerstört Firma

Eigentlich wollte Dominik Rupnow aus Genzien Straßenbauer werden, hat sich dann doch nach dem Vorbild seines Stiefvaters für den Tischlerberuf entschieden. In Arendsee fand er eine Lehrstelle. Doch eine Woche vor der Abgabe des Gesellenstückes wurde die Firma bei einem Brand komplett zerstört. Auch alles, was der junge Genziener bis dahin vorbereitet hatte, war verloren. „Zum Glück habe ich in Seehausen einen Betrieb gefunden, der mir kurzfristig geholfen hat, damit ich meine Lehre zu Ende bringen kann“, sagt er. So hat er in der Kürze der Zeit keinen TV-Schrank wie geplant gebaut, sondern einen kleinen Schrank. „Ich bin froh, dass ich beim ersten Versuch bestanden habe“, erklärt er. In der Seehäuser Firma habe er die Chance weiterzuarbeiten.

Jürgen Grüttner, bis zum Vorjahr Berufsschullehrer und Mitglied der Prüfungskommission, hat die jungen Leute im ersten Jahr ihrer theoretischen Ausbildung begleitet. „Dann waren es zu wenige, sie mussten nach Stendal an die Berufsschule wechseln“, sagt er.

Teamarbeit wichtig

Die Ausbildung im Handwerk müsse verstärkt werden, meint Tischlermeister Matthias Loth aus Pretzier, der ebenfalls mit prüft. Er habe aber auch beobachtet, dass es Azubis an der Bereitschaft fehle, diesen Weg zu gehen. „Denn sie müssen bereit sein, auch mit den Konsequenzen zu leben“, fügt er hinzu und meint damit, dass absolute Verlässlichkeit den Kunden und den Mitarbeitern gegenüber notwendig sei. „Es geht um Teamarbeit. Im Handwerk kann man sich nicht verstecken“, macht er deutlich. Zudem wünsche er sich noch besser vorgebildete Lehrlinge. Die Ausbildung in Deutschland gelte als hervorragend und sei Voraussetzung beispielsweise für das Studium der Architektur und des Designs, merkt Matthias Loth an.

Leider sei es auch so, dass nur etwa zehn Prozent der Gesellen nach der Lehre im Beruf arbeiten. „Manch ausgebildeter Handwerker steht in Wolfsburg am Band“, berichtet Jürgen Grüttner.

Tipps für die Zukunft

Die Bewertung der Gesellenstücke hat sich die Kommission, zu der auch Tischlermeister Klaus-Dieter Krüger aus Gardelegen gehört, nicht leicht gemacht. Schließlich soll alles gerecht beurteilt werden. Die Prüflinge holen sich Tipps, was sie in Zukunft noch besser machen können.

Die Prüfer hoffen, dass das Quartett dem Beruf treu bleibt und sich ständig weiterbildet. Und sie wünschen sich, dass wieder mehr Jugendliche ihre Freude am Handwerk entdecken. „Es gab auch schon andere Zeiten nach der Wende. Da hatten wir drei Klassen“, erinnert sich Lars Peters. Aber da habe es noch viele überbetriebliche Maßnahmen gegeben. Zudem würden es immer weniger Betriebe, die ausbilden wollen.