Volksstimme: Frau Wunderlich, gibt es überhaupt noch Solidarität?

Karin Wunderlich: Auf jeden Fall. Aber nicht mehr so wie früher. Es ist weniger und anders geworden. Früher gab es Solidarität, ohne dass man viel nachfragen musste. Es war spontaner, einfacher. Heute muss man begründen, warum man was will und warum dich da jemand unterstützen soll. Das ist mein genereller Eindruck.

Können Sie diese Entwicklung an etwas Bestimmtem festmachen?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Ellenbogen ausgefahren werden. Jeder kommt nach Hause, achtet nur auf sich und hat für seine Mitmenschen gar nicht die Zeit, die man sich früher vielleicht noch genommen hat. Früher war es ein harmonisches Miteinander. Jeder kannte jeden. Wenn man sich heute umschaut, sieht es ganz anders aus: Niemand wagt mehr, beim Nachbarn zu klingeln und um Hilfe zu bitten. Weil man die Leute eben nicht kennt. Obwohl sie vielleicht sogar helfen würden.

Die eigenen Belange

Wie konnte sich die Solidarität denn überhaupt so aus der Gesellschaft entfernen?

Das ist der generellen Situation geschuldet. Die Leute arbeiten auswärts, man kommt nach Hause, kümmert sich um sich selbst, maximal noch um die nahen Verwandten. Ansonsten sieht man zu, dass man seine Belange regelt. Wenn die Menschen so viel arbeiten, vielleicht sogar noch einen zweiten Job haben, bleibt keine Zeit mehr für Solidarität.

Wie viel Solidarität erleben Sie im persönlichen Umfeld?

Ein bisschen Solidarität erlebe ich schon noch, obwohl ich meine Nachbarn zugegebenermaßen auch nicht alle kenne. Aber ich lebe nach dem Motto: So wie ich mit anderen umgehe, so wird auch mit mir umgegangen.

Offen für Hilfe

Woher kommt diese Einstellung?

So wurde ich erzogen. Solidarität fängt für mich nicht in der Schule oder in Kitas an, sondern zuhause. Da geht es um den Umgangston, um zwei einfache Begriffe: Bitte und Danke. Wenn ich in diesem Rahmen erzogen werde, bin ich viel offener für Hilfe. Aber der höfliche Umgang ist über die Zeit teilweise verloren gegangen.

Was heißt denn eigentlich „früher“ für Sie?

Ich bin ein Wendekind. Früher hat man eine Hausgemeinschaft gehabt, die zusammengehalten hat. Die haben gemeinsam etwas unternommen, das gibt es so nicht mehr. Damals hatte man vielleicht den Schlüssel vom Nachbarn. Heute dagegen, existiert ein gesundes Misstrauen. Eigentlich bräuchte es ein Ereignis wie die Wende damals, um Solidarität wiederaufleben zu lassen.

Nachbarschaft und Vereine

Gibt es auch kleine Dinge, die man ändern kann, um die Solidarität wieder aufleben zu lassen?

Das klappt nur, wenn die Leute wieder aufeinander zugehen. Es kommt auf jeden Einzelnen an. Nachbarschaften und Vereine können dabei durchaus helfen. So ist es einfacher, sich zu engagieren und auch mal darauf zu hören, wie es den anderen geht. Wenn ich jetzt feststelle: Dem ist was Schlimmes passiert, da hätte ich vielleicht doch helfen können. Da sollte jedem klar werden, dass man aufeinander Acht geben sollte, bevor etwas passiert.

Denken Sie, dass die Lehre zur Solidarität auch ein Stück weit Aufgabe der Schulen und Kindergärten ist?

Es ist eine allgemeine Aufgabe. Die Schüler, die ich kennengelernt habe, die kannten Benehmen und Zusammenhalt. Auch die jungen Feuerwehrtruppen halten zusammen. Die Feuerwehr fördert die Bildung und Kameradschaft auf jeden Fall. Es kommt auch auf das Umfeld an: In der Stadt ist alles anonym, während Dörfer in der Regel geselliger sind.

Zusammenhalt

Wie sieht es denn überhaupt mit der Kameradschaft bei der Feuerwehr aus?

Im Großen und Ganzen halten die Verbände zusammen. Aber es wird schon zwischen den Feuerwehren geguckt, wenn es um die Ausstattung geht. Es gibt schon mehr Neid als früher. Es würde auch helfen, wenn untereinander besser kommuniziert wird, um Missverständnisse im Voraus vorzubeugen.

Inwieweit hängt die Kameradschaft in der Feuerwehr mit Solidarität zusammen?

Ohne das Eine würde es das Andere nicht geben. Das ist eine Sache, die Hand in Hand geht. Im Prinzip sind Kameradschaft und Solidarität schon fast das Gleiche.

Elbefluten

Bemerken Sie denn wachsende Solidarität aufgrund der Spendenkonten, die Sie für die Elbfluten 2003 und 2013 eröffnet haben?

Es gab eine tolle Resonanz. Sogar Leute, die kaum etwas hatten, haben Geld gespendet. Damals hat eine Nachbarin, mehr als 80 Jahre alt und mit geringer Rente, 50 Euro gespendet.

Haben Sie denn den Eindruck, dass sich die Gesellschaft weiter von der Solidarität wegbewegt?

Ich denke, die Leute haben sich ein bisschen besonnen. Man redet wieder mehr miteinander. Doch selbst wenn sich die Solidarität positiv entwickelt, wird es noch sehr lange dauern, bis wir auf dem Stand von früher sind.

Welche Rolle tragen dabei soziale Medien und das Internet?

Soziale Medien wie Whatsapp können zwar das Miteinander fördern, sorgen jedoch in den meisten Fällen für Komplikationen. Wenn man mal schnell was schreibt, werden Wörter und Sätze häufig missverstanden. Der Eine interpretiert es so, der Nächste wieder anders. Häufig ist es nicht förderlich für den generellen Umgang miteinander.