Salzwedel l Wenige Fragen, viele eigene Gedanken. Michael Malinowski und Anja Gliemann, zwei Generationen von Ethiklehrern am Salzwedeler Jahngymnasium, gehen das Thema "Solidarität - Gibt es die noch?" auf Anfrage der Volksstimme in einem offenen Gespräch an. Dabei sind sie von Beginn klar einer Meinung. "Ja, die gibt es noch, definitiv. Und zwar als wichtigen Wert", sagt Anja Gliemann. Ihr Kollege stimmt zu: "Auf jeden Fall, das kann ich nur bestätigen." Michael Malinowski schickt dann allerdings ein Aber hinterher.

"Ich denke, es ist vielleicht zum Teil verloren gegangen, weil zu Solidarität immer dagegen in einer Leistungsgesellschaft der Ellenbogen zählt. ,Setz dich durch und achte dabei nicht auf andere!' Und diese beiden Prinzipien stehen ja gegeneinander. Das spüren wir, finde ich, in der Schule deutlich...", merkt der 57-Jährige mit Blick auf das Umfeld Schule an, ehe er schon von seiner Kollegin unterbrochen wird. Anja Gliemann glaubt, dass "gerade in Notsituationen oder in ernsthaften Situationen dieses Leistungsprinzip kippt und die Solidarität sich zeigt".

Eine Grundhaltung

Die Ansicht bestätigt Malinowski, allerdings mit der Einschränkung, dass die Jugendlichen Solidarität in der Familie und zum Beispiel bei der Aufnahme in eine Klasse schon selbst erlebt haben müssen. "Dann wird das eine Grundhaltung. Und die kippt dann auch nicht so schnell", erklärt der Ethiklehrer.

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"Das Früher-Heute-Denken kann ich nicht nachvollziehen", antwortet Michael Malinowski anschließend auf einen Einwurf der Volksstimme, ob er in Sachen Solidarität als erfahrener Lehrer eine Entwicklung sehen könne. Der Pädagoge erklärt, dass er in seiner Lehrzeit immer wieder unterschiedliche Klassen erlebt habe. "Sie haben durch alle Zeiten durchaus keine homogenen Klassen und ganz unterschiedliche Strukturen", betont Malinowski und führt aus: "Das geht bis hin zu Mobbing, nicht angenommen werden und Ignoranz gegenüber Schwächeren." Wo so etwas gelebt werde, hätten es auch die Lehrer "wahnsinnig schwer", erzieherisch entgegenzuwirken.

Impuls muss gegeben werden

Doch die beiden Pädagogen kennen auch das Gegenteil und erinnern an das Projekt zur Unterstützung des Kinderhospizes Mitteldeutschland. "Das ist von Schülern gekommen", berichtet Malinowski aus dem Ethikunterricht, als es um das Thema Sterbehilfe ging. "Aber", so wirft seine Kollegin ein, "der Impuls muss gegeben werden." Und Malinowski bestätigt, dass er die Schüler explizit danach gefragt habe: "Wollt ihr etwas aktiv tun?". Daraufhin hätten zu seiner Freude gleich zwei Klassen die Bereitschaft gezeigt (die Volksstimme berichtete).

Was beiden Lehrern beim Thema Solidarität fehlt - eher bezogen auf das alltägliche Miteinander im Schulalltag - ist die Zeit und der Raum in einer normalen Schulwoche. "Mein Ideal wäre, dass jeder Schüler dieser Schule gern und ohne Angst in seine Klasse gehen kann. Das können wir derzeit noch nicht gewährleisten. Ich würde es mir aber wünschen, aber diesen Stand haben wir noch nicht", betont Malinowski und fügt an, dass man dafür aber "super gute Rahmenbedingungen" benötige.

Dazu spricht Michael Malinowski als Beispiel die Klassenleiterstunden seiner Kollegin Anja Gliemann an. "Sie ist als Fachlehrerin voll eingebunden. Also wenn sie sozial einwirken will, nimmt sie jetzt Teile ihres Fachunterrichtes dafür", bemängelt der erfahrenere Lehrer, dass der Klassenleiterin eigentlich die sogenannten Begegnungsstunden fehlen. Für diese sei der Lehrplan meist zu eng gestrickt.

Solidarität zeigt sich im Alltag

Beide sagen deutlich, dass die großen öffentlichen Projekte nicht die Solidarität im Ganzen zeigen. Diese zeige sich mehr im alltäglichen Umgang der Schüler untereinander. "Sich mitfreuen über eine Leistung, vielleicht klatschen, wenn ein Mitschüler endlich mal eine Drei geschafft hat. Und nicht neidisch sein, weil ein anderer mal die Eins hat", nennt Malinowski Beispiele, in der die Jugendlichen sich aktiv solidarisch zeigen und eine Haltung annehmen.

Für die Fälle, in denen sich dann doch einmal Probleme zeigen, wünschen sich die beiden Lehrer auch am Gymnasium die Einrichtung von Schulsozialarbeit. Bisher wird diese nur an Grund- und anderen weiterführenden Schulen angeboten. Auch das langjährige Fehlen von ausgebildeten Streitschlichtern bemängelt Michael Malinowski an der Situation am Jahngymnasium. Auch dabei könnten Schulsozialarbeiter unterstützend tätig werden.

Angebote schaffen

Das Thema Leistung gehört natürlich zu einer Schule wie dem Salzwedeler Jahngymnasium. Eine gesunde Konkurrenz fördert ja auch diese Leistung. Doch wie holt man einen totalen Leistungsdenker zurück in die solidarische Gemeinschaft? "Indem ich Angebote schaffe. Wenn er nicht aufgefordert wird, wird sich daran nichts ändern. Also muss ich ihm Angebote schaffen", erklärt Anja Gliemann. "Das gute Gefühl, ich bin jetzt mal für den Schwächeren da, ist natürlich nicht leicht herauszubilden", ergänzt Michael Malinowski.

Auf dieser Ebene sei im Unterricht in den vergangenen Jahren allerdings schon viel passiert, besonders mit Hilfe von Gruppenarbeiten. "Zu 90 Prozent habe ich in den letzten Jahren meinen Unterricht auf Teamarbeit umgestellt", sagt Malinowski. "Da muss der eine für den anderen einstehen und die Gruppenleistung zählt", erklärt seine 33-jährige Kollegin das Prinzip. Schwierigkeiten, dass sich schwächere Schüler dabei zurückziehen könnten, sehen dabei beide Lehrer nicht. Sie betonen, dass schüchterne Jugendliche dabei eher mehr Einsatz zeigen. Allerdings sieht Anja Gliemann da auch bei den Schülern die Lernprozesse, denn: "Eine Gruppenarbeit in der fünften Klasse ist deutlich weniger solidarisch. Aber es wird besser, je häufiger man es macht."

Bei dieser Thematik kommt Michael Malinowski wieder zurück zur Ausgangsfrage der Volksstimme. Es gebe häufig homogene Klassen, "die untereinander wunderbar miteinander umgehen", sagt der Ethiklehrer. Doch dies sei für ihn nicht der Maßstab, sondern eher der Umgang mit dem Mitschüler, der eben nicht dieser Norm entspricht, sich anders verhält oder auch nur anders kleidet.

Problem: Helikoptereltern

Als Problem nennt Malinowski "die sogenannte Prinzenerziehung". Damit meint der Pädagoge den heute bekannteren Begriff der Helikoptereltern. "Also wenn meine Eltern nur noch mein verlängerter Arm sind und ich behütet, wie in einer Glocke, groß werden soll und keinen Konflikt mehr tragen kann. Das ist hinderlich, um eine Solidarität in dem Kind herauszubilden", erklärt der Lehrer. Dies fördere eher ein Ego-Prinzip.

Bei diesem Thema sehen die beiden Gesprächspartner auch häufig falsche Vorstellungen anderer, was Ethikunterricht an Schulen leisten kann. "Ich sehe mich eher darin, Angebote zu schaffen zum Handeln. Aber ich kann doch nicht die Gesinnung ändern", macht Anja Gliemann klar. Ihr Kollege sieht es als Erfolg, wenn ein Schüler aus dem Unterricht herauskommt und sagt: "Dieser Gedanke war für mich neu, das hat mich bewegt, das habe ich vorher so gar nicht beachtet." Ethik bleibe eine philosophische Disziplin, eine Wissenschaft, die vielleicht erreicht, dass Probleme bewusster wahrgenommen werden. Dazu zitiert Michael Malinowski einen Professor aus seiner Studienzeit: "Wer Ethik betreibt, handelt noch lange nicht moralisch."

Keine Früher-Heute-Diskussion

Abschließend sind sich die Pädagogen einig, dass es aus ihrer Sicht eine Früher-Heute-Diskussion nicht gibt. Immer wieder habe es am Jahngymnasium Projekte gegeben, bei denen sich Schüler solidarisch zeigen, wie eben die Unterstützung für das Kinderhospiz. "So etwas muss Anliegen der ganzen Schule, Lehrer und Schüler, sein", betont Michael Malinowski. Dabei helfe es, wenn die Schule Titel wie "Schule mit Herz" oder "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" bekomme, denn diese würden auch verpflichten, weiter aktiv zu bleiben.

Daneben zieht Anja Gliemann für beide Lehrer das deutliche Fazit: "Würde es keine Solidarität geben, wie sollten wir Unterricht machen, Pausen gestalten. Das würde nicht funktionieren."