Salzwedel l Der Gast, die Gästin: Das Gendern in Schrift wie Aussprache wird differenziert betrachtet. Für die einen ist es notwendig, für andere stört es den Lese- und Redefluss. Die Volksstimme hat zum internationalen Tag der Muttersprache das Thema genauer unter die Lupe genommen und schreibt diesen Text gendergerecht. Was denken Sie?

Wer schon einmal einen längeren, vielleicht auch wissenschaftlichen Text gendergerecht gelesen hat, könnte an mancher Stelle schon einmal gestolpert sein. Beispielsweise bei Worten wie Gast und Gästin oder Einwohner*innenmeldeamt. Das erscheint manch einem/einer Nutzer*in unfreundlich. Oder sollte eine Drohne nicht nur unbemannt, sondern auch unbefraut gen Himmel steigen? Spätestens an dieser Stelle sorgt das Gendern hier und da für Stirnrunzeln.

Lehrer sieht Lesefluss gestört

„In meinen Augen ist das keine Lösung, sondern ein Problem“, sagt Florian Anderson, Deutschlehrer an der Lessing-Ganztagsschule in Salzwedel. Er habe es noch nie erlebt, dass, wenn er „Guten Morgen, liebe Schüler“ sage, eine Schülerin sitzen bleibe, da sie sich nicht angesprochen fühle. „Niemand fühlt sich diskriminiert“, sagt er. Grundsätzlich sehe der Lehrer Nachteile durch das Gendern. „Der Lesefluss für die Schüler*innen ist dadurch gestört.“ Denn wenn er den Jugendlichen Aufgaben stelle, würden sie diese schnell und einfach erfassen müssen. Mit einem * oder Unterstrich sei dies aber eingeschränkt. Sprich Lehrer*innen und Lehrer_innen. „Noch schlimmer als beim Lesen ist es mit der Sprache“, berichtet der Deutschlehrer. Kürzlich habe er im Radio von „Helden*innen“ gehört. „Das tut doch schon beim Zuhören weh.“

Ein weiteres Problem in seinen Augen: „Wenn von Feuerwehrmännern und -frauen gesprochen wird, was ist mit jenen, die sich zu divers zählen?“ Diese würden dann tatsächlich ausgeschlossen. „Das ist doch dann unsinnig und diskriminierend.“ Mit der männlichen Schreibweise sei jeder vertraut, da er/sie diese in der Schule gelernt hat. „Das macht das Verständnis für die Schüler*innen einfacher.“

Florian Anderson selbst habe im Studium vor seine Arbeiten geschrieben, dass die männliche Form auch die weibliche einschließe. Dann sei der Lesefluss gewährleistet und es in seinen Augen politisch korrekt.

Gleichstellungsbeauftragte mit anderem Blick

Doch wie blicken jene darauf, die um Gleichstellung bemüht sind? „Für mich persönlich ist die gendergerechte Sprache ein wichtiger Part der Gleichstellung, eine Wertschätzung aller Geschlechter“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte der Hansestadt Salzwedel, Marita Runge. Damit bleibt sie zwar etwas im Allgemeinen, hebt eine geschlechtergerechte Sprache aber als einen Baustein zur Gleichstellung hervor. Wichtiger ist Runge jedoch zu betonen, dass es neben der Sprache eine große gesellschaftliche Herausforderung ist, Frauen und Kinder vor Gewalt zu schützen und jedem und jeder „das Führen eines selbstbestimmten Lebens, Bildung und vieles mehr zu ermöglichen“.

Sprachkritischer gibt sich da Marita Runges Amtskollegin im Landkreis, Claudia Masuch. Für sie ist klar: „Sprache erzeugt Bilder in unseren Köpfen. Werden nur Männer genannt, spiegelt sich das in unseren gedanklichen Vorstellungen wider, es entspricht jedoch nicht der Realität.“ Damit sich alle angesprochen fühlten, sollten laut Masuch auch alle benannt und damit sichtbar gemacht werden. „Eine gendergerechte Sprache zeigt Wertschätzung gegenüber allen Menschen und ihren Fähigkeiten und wirkt stereotypen Rollenvorstellungen entgegen“, betont sie. Außerdem drücke sich für Masuch die Gleichbehandlung aller Menschen eben zuerst in der Sprache aus.

Der Salzwedeler Deutsch- und Ethiklehrer am Jahngymnasium, Michael Malinowski, nimmt das Thema dagegen nicht so wichtig. Gerade zurzeit habe er durch den coronabedingten Online-Unterricht viel mehr damit zu tun, seine Schüler*innen bei der Stange zu halten, wie er sagt, als sich mit solch einem „kosmetischen Thema“ zu befassen.

Reine Symbolpolitik?

Die häufigste Kritik an der gegenderten Sprache ist wohl, dass an ihr nur abgehobene Akademiker*innen interessiert seien. „Die sitzen in diversen Gremien und sprechen im Namen anderer, in Wahrheit behaupten sie aber nur die eigenen Pfründe“, schreibt zum Beispiel der österreichische Philosoph Robert Pfaller in seinem Buch „Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“. Und er fügt hinzu: „Für ein Binnen-I oder ein Sternchen hat sich noch nie irgendjemand etwas kaufen können – außer eben diesen Gremialbonzen. Und -*bonzinnen, korrekterweise“.

Ist die ganze Sache also doch bloß reine Symbolpolitik, welche die Gesellschaft in Wahrheit kein bisschen gerechter macht? Oder was meinen Sie (m/w/d)?

 

Kommentare

PRO

Allen sollte alles offenstehen
Von Martin Höfig

Sprache hat in ihrer Wirkung auf unsere Realität enorme Konsequenzen. Lernt zum Beispiel ein kleines Mädchen, dass es nur Piloten, Polizisten und Politiker gibt, denkt es letztlich, diese Berufe seien allein den Jungs vorbehalten. Und wagt sich nicht zu träumen, selbst einmal Pilotin, Polizistin oder Politikerin zu werden. Das soll sie aber, denn allen – unabhängig vom jeweiligen Geschlecht – sollte alles offenstehen. Deshalb ist es gut, dass die Sprache sich dahingehend verändert. Das ist auch gar nicht schlimm, wenn Mensch nur anfängt, sich auf Veränderungen einzulassen. Es bleibt sowieso nichts, wie es ist. Zum Glück.

CONTRA

Es geht gut ohne *innen
Von Antje Mewes

Lesen Sie eine Meldung in der Zeitung, dann wissen Sie, warum Zeitungsredaktionen weitgehend auf das Gendern verzichten. Jeder weiß, dass, wenn von Mitgliedern die Rede ist, auch die *innen gemeint sind und wenn ein Bürgermeister die Gäste begrüßt, er Männlein und Weiblein anspricht. Wegen der ganzen *innen sitzt nicht eine Frau mehr in irgendwelchen Vorstandsetagen oder erhalten weibliche Mitarbeiter*innen den gleichen Lohn wie ihre männlichen Kollegen. Da sind ganz andere Hebel anzusetzen. Frauen schaffen es auch ohne *innen, sich zu emanzipieren – über ihre ganz besonderen Stärken, mit Mut und Tatkraft.