Salzwedel l Ortstermin in der Salzwedeler Mönchskirche, in der Jutta Jaeger an diesem Nachmittag die Aufsicht übernimmt. Eigentlich rechnet die langjährige Stadtführerin für diesen Tag nicht mit Besuchern – das nasskalte Wetter lädt nicht unbedingt zu einem Stadtbummel ein. Vor der Tür werden bereits die Fahrgeschäfte für den Nysmarkt aufgebaut. Doch eine Familie, die Salzwedel bereits kurz nach der Wende einen Besuch abgestattet hat , nutzt die Herbstferien zu einer erneuten Stippvisite und sieht sich auch in der Mönchskirche um. Kurz darauf betreten zwei Ehepaare aus Erfurt, beladen mit Baumkuchentüten , die heutige Konzerthalle. Natürlich möchten sie die Orgel hören, je länger, desto besser. Jutta Jaeger empfiehlt die Aufnahme von Bachs Toccata, die acht Minuten dauert. Die Besucher nehmen in der Mitte der Stuhlreihen Platz und genießen die Aufnahme, für die Orgelbauer Manfred Hoffrichter das Stück auf dem digitalen Instrument einspielte.

Applaus und dann kommt natürlich die Frage, wozu die Löcher in der Decke dienen. Jutta Jaeger klärt ihre Besucher darüber auf, dass die Löcher im Grunde so etwas wie eine einfache Klimaanlage sind. Sie sollten den Luftabzug garantieren, wenn sich mehrere hundert Menschen, früher noch bei zahlreichen brennenden Kerzen, in der Kirche drängen. „Das sind Klassikerfragen“, sagt Jutta Jaeger schmunzelnd, als sich das Quartett aus Erfurt beeindruckt wieder verabschiedet hat.

Vorbereitung

Die 75-Jährige kam durch ihr Engagement für die Hanse und die Reisen in zahlreiche andere Hansestädte letztlich dazu, Besuchern die eigene Hansestadt vorzustellen. „Ich habe vor der Reise immer etwas über die Städte gelesen, in die wir dann gefahren sind. Da sind mir eine Menge Parallelen aufgefallen“, berichtet Jutta Jaeger. An der Volkshochschule belegte sie dann Kurse, un sich zur Stadtführerin ausbilden zu lassen. „Ich hatte gute Lehrer“, ist sie noch heute dankbar für den Unterricht, unter anderem von Experten für Heimatgeschichte wie Ingelore Fischer und Manfred Lüders.

Vor ihrer ersten Stadtführung sei sie nicht aufgeregt gewesen, erinnert sich Jutta Jaeger. In der größten Gruppe, die sie durch Salzwedels Straßen führte, waren 55 Frauen und Männer mit dabei. „Das sind eigentlich viel zu viele“, hat sie festgestellt. Ideal sei eine Gruppe mit 20 bis 25 Zuhörern, damit auch alle ihren Ausführungen folgen können. Außerdem muss ein Stadtführer darauf achten, aufrecht zu stehen. „So kann man besser sprechen. Und man muss natürlich den Blickkontakt mit seinen Gästen halten“, verrät Jutta Jaeger ihre Arbeitsweise.

Details statt Jahreszahlen

Keinesfalls sollten während einer Stadtführung einfach nur Jahreszahlen aufgezählt werden. „Details sind viel interessanter“, sagt die Salzwedel-Kennerin, „wenn ein Haus früher beispielsweise viele Fenster hatte, war das ein Zeichen für den Reichtum seiner Bewohner, denn dann hatten sie das nötige Geld, um das Haus im Winter zu heizen.“

Die Entscheidung, welche Stationen in die Stadtführung einbezogen werden, fällt während des Rundgangs. „Oft bekommt ich aber auch entsprechende Vorgaben von der Stadtinformation“, fügt Jutta Jaeger hinzu. Häufig sind Menschen dabei, die Salzwedel kennen und ihrerseits Jutta Jaegers Wissen bereichern. „Eine Stadtführung ist immer ein Geben und Nehmen“, sagt sie.

Postkarten als Dankeschön

Ein Zeichen, dass den Besuchern der Rundgang gefallen hat, sind ihre zahlreichen Postkarten, die Jutta Jaeger erreichen. Und wenn sie selbst eine andere Stadt besucht, ist sie dort natürlich auch Teilnehmerin eines geführten Rundgangs. „Ich lerne von meinen Kollegen“, sagt sie. Die Saison der Stadtführungen beginnt meist im März, legt in den Sommermonaten eine Pause ein und setzt sich dann Ende August bis Ende des Jahres fort. „Große Hitze ist schlechtes Wetter für Stadtführungen“, sagt Jutta Jaeger. Das sei auch in diesem Jahr zu spüren gewesen.