Salzwedel l Es ist jetzt nicht ganz ein Jahr her, dass in Deutschland der erste Corona-Lockdown startete und sich die Leute stärker zu Hause isolierten. Damals ließ sich schon rätseln, wie sich die Heim-Quarantäne bei Paaren auf Dauer auswirken würde: Kommt es zum „Baby Boom“, wenn der Beischlaf einer der wenigen verbliebenen Zeitvertreibe ist, oder führt die ständige Nähe zu Überdrüssigkeit und schließlich zur Trennung?

Die Zahlen des Amtsgerichts Salzwedel sehen zumindest nach einem leichten Anstieg aus. Denn laut Bericht, der der Volksstimme auf Anfrage zugeschickt wurde, sind 2020 87 Neuzugänge, also neu begonnene Scheidungsverfahren, erfasst worden. Zum Vergleich: 2018 gab es 84, 2019 81 neue Verfahren.

Zahlen sind noch unvollständig

Bei tatsächlich erledigten Verfahren – dazu gehören auch Scheidungen, die schon im Jahr zuvor begonnen wurden – liegt das vergangene Jahr nicht so weit vorne. 85 Verfahren wurden 2020 abgeschlossen, 81 im Jahr 2019, während es 2018 sogar 100 beendete Fälle gab.

Hier sollten aber zwei Details beachtet werden: Erstens können die Zahlen unvollständig sein, denn Scheidungen werden immer dort verhandelt, wo gerade die Kinder eines Paares näher dran sind. Scheidungskandidaten aus Salzwedel können also auch zu Familiengerichten in anderen Städten gegangen sein.

Und ehe man den Anstieg dem Corona-Jahr zuschreiben kann, muss angemerkt werden, dass sich Corona noch gar nicht auf die Scheidungszahlen ausgewirkt haben kann, erklärt zum Beispiel Carsten Meyer.

Als Anwalt in Salzwedel hat er unter anderem mit Familienrecht zu tun, und erklärt, dass vor der Scheidung stets ein „Trennungsjahr“ eingeräumt wird: Ein Jahr muss ein Paar auseinander leben, ehe die Ehe als gescheitert gilt und der Scheidungsantrag eingereicht werden kann. Ausnahmen sieht der Gesetzgeber nur in besonderen Härtefällen vor (§ 1565 des Bürgerlichen Gesetzbuchs).

Heißt im Klartext: Ehen, die schon zu Beginn des Lockdowns in die Brüche gingen, können erst ab dem kommenden März beendet werden. Sollte die Zahl wirklich drastisch zugenommen haben, zeigt sich das wohl aber erst im Laufe des Jahres – schließlich dürfte es bis zur Überdrüssigkeit, die eine Trennung unausweichlich macht, noch ein paar Wochen oder Monate gedauert haben.

Allerdings macht Corona es gleichzeitig schwierig, eine neue Wohnung zu finden, um wirklich das Jahr getrennt zu leben. Also selbst, wenn die Pandemie Grund zur Scheidung gibt, erschwert sie diese gleichzeitig.

Deutschlandweiter Boom zeichnet sich ab

Ein Stück weit ließe sich noch anhand der deutschlandweiten Entwicklung spekulieren, wie sich die Situation in Salzwedel entwickeln könnte. Die letzte größere Umfrage kündigte jedenfalls drastische Veränderungen an: Bei einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Civey gaben 2,2 Prozent der Leute an, sich in den zwei Monaten nach dem März-Lockdown für die Scheidung entschieden zu haben – etwa fünfmal so viele wie sonst.

Während die Auswirkungen der Scheidungsrate erst nach einem Jahr ersichtlich werden, lässt sich die Entwicklung des entgegengesetzten Faktors – der Geburtenraten – schon etwas früher beobachten. Denn mit den drei Monaten weniger, die eine Schwangerschaft im Vergleich zur Scheidung benötigt, wären die ersten Lockdown-Babys Mitte Februar fällig.

Auch hier sind wir noch nicht ganz an dem Punkt, an dem sich das beurteilen lässt. Aber vielleicht hat in Corona ja die Liebe gesiegt.

In diesem Sinne einen frohen Valentinstag!