Salzwedel l Der erste Werktag für den neuen Bademeister im Liestener Waldbad beginnt unspektakulär. Graue Wolken haben sich vor die Sonne geschoben, als die Kasse am Mittag öffnet. Kunden? Fehlanzeige. Einzig der Wind türmt kleine Wellenberge auf der Wasseroberfläche auf. Ein nicht ganz untypischer Tag in einem deutschen Freibad.

Der Retter, der im roten T-Shirt mit der Aufschrift „Salvataggio“ (Rettungsschwimmer) aus dem Geräteschuppen kommt, lächelt trotzdem. Er hat sich bewusst für den Job in Liesten entschieden. Und er freut sich auf den Sommer in der Altmark.

Doch wie kommt ein italienischer Salvataggio ausgerechnet hier her, in eine der ländlichsten Gegenden Deutschlands?

„Ich spreche nicht so gut Deutsch“, sagt der Italiener entschuldigend, bevor er beginnt zu erzählen. Doch das ist nichts als höfliche Bescheidenheit. Wie sich herausstellt, ist er ein gebildeter Mann, er hat mehrere Sprachen studiert, schreibt wissenschaftliche Bücher. Und zur Altmark besitzt er eine längere Verbindung, als man vermuten könnte.

Vor fünf Jahren sei er mit seiner Freundin nach Sanne/Kerkuhn gezogen, habe dort sogar einen Bauernhof gekauft, erzählt er. Der Italiener brachte seine Hunde und sogar ein Pferd mit, wollte sich niederlassen. Doch dann ging die Beziehung auseinander. Der Rettungsschwimmer kehrte nach Italien zurück.

Die Natur in Deutschland konnte er trotzdem nicht vergessen. „Ich beobachte gern den Milan, ich mag die Wiesen und Wälder hier“, schwärmt er.

Als die Leitung seines Unternehmens ihn bittet, Deutsch zu lernen, sieht er die Gelegenheit für die Rückkehr gekommen. „Im Oktober habe ich begonnen, mir die Sprache aus einem Biologiebuch beizubringen“, sagt der Italiener. Inzwischen beherrscht er sie so gut, dass eine normale Unterhaltung ohne Probleme möglich ist.

In der Altmark hat sich der Italiener in einem Hof niedergelassen. Er fühlt sich wohl hier: „Das Leben ist günstig und ich liebe Donauwelle“, sagt er und lacht. Einzig der Kaffee sei im Vergleich mit dem italienischen eher „ok“ – als Kompliment sollte man das wohl eher nicht verstehen.

Umso besser schneidet dafür das nahe Salzwedel ab. „Eine schöne Stadt“, schwärmt er und erzählt von klassischen Konzerten, einer Beobachtung von Turmfalken in der Mönchskirche und Italienischkursen an der Volkshochschule. Vorstellbar also, dass er länger in der Altmark leben könnte? Vielleicht. Rettungsschwimmer bleibt er langfristig aber eher nicht. „Wenn ich einen guten Job bekomme, könnte ich wieder einen Bauernhof übernehmen“, sagt er.

Noch wahrscheinlicher ist allerdings, dass der Italiener seine Zelte in Deutschand nach dem Sommer wieder abbricht. Er habe nämlich einen Traum, verrät er, um gleich darum zu bitten, nichts davon zu schreiben: „Die Leute werden mich doch für verrückt halten.“

Und doch: Der Rettungsschwimmer will einmal in seinem Leben von der Südspitze Amerikas quer über die Anden und die Rocky Mountains in den Norden des Kontinents wandern. Ein Lebensprojekt, angelegt auf mehrere Jahre. „Wenn ich das jetzt nicht bald mache, mache ich es gar nicht mehr“, sagt er.

Am Ende ist der Italiener wohl von vielem ein bisschen: Globetrotter, Wissenschaftler und eben auch Rettungsschwimmer, ein Mensch der schon lange auf der Suche, aber bislang nirgends so richtig angekommen zu sein scheint.

Dazu passt auch die Antwort auf die Frage, ob er den richtigen Job sucht, um sich niederzulassen oder einfach um die Welt reisen will.

„Ich suche nach dem ‚Promise-Land‘“, antwortet der 45-Jährige. Die Altmark hat es zumindest für einen Sommer in die Liste seiner Reise-Stationen geschafft.