Salzwedel l „Als wir die silbernen Flugzeuge gesehen haben, dachten wir, die fliegen nach Berlin“, erzählt Waldemar Panczyk. Doch es sollte anders kommen...

Der heute 89-Jährige fuhr ab dem zehnten Lebensjahr mit dem Zug von Bergen/Dumme zur Schule nach Salzwedel. Morgens war ein Akkutriebwagen für die Schüler unterwegs, den die jungen Leute liebevoll „Anni“ nannten. Mittags ging es mit dem Personenzug zurück, der von Stendal nach Uelzen fuhr. So sollte es auch am 22. Februar 1945, einem schönen Vorfrühlingstag, sein. „Auf dem Salzwedeler Bahnhof waren viele Reisende. Züge nach Oebisfelde, Stendal, Wittenberge und Dannenberg standen ebenfalls zur Abfahrt bereit“, erinnert sich Waldemar Panczyk. Auf dem Bahnsteig, von dem es in Richtung Uelzen gehen sollte, standen etwa 25 Reisende, darunter der 14-Jährige und sein Schulfreund Edgar. Da heulten die Sirenen lautstark: Fliegeralarm. Plötzlich habe ein Soldat gerufen: „Die greifen uns an! Der Pilot hat eine Zielbombe gesetzt“, weiß der Salzwedeler noch, als wenn es gestern gewesen sei.

Flucht in den Tunnel

Die Reisenden seien in den Tunnel geströmt, manche nach rechts, andere nach links gerannt. „Wir haben den richtigen Weg gewählt, sind nach links gegangen“, ist Waldemar Panczyk froh. Als der erste Angriff zu Ende gewesen sei, habe er mit seinem Freund den Tunnel zum Bahnsteig für Züge nach Dannenberg verlassen können. „Die Treppe war stark mit Geröll zugeschüttet. Aber eine kleine Öffnung war geblieben, durch die wir fliehen konnten“, schildert er.

Bilder

Die Schüler rannten in Richtung Zuckerfabrik, sahen noch die beiden Wohnblöcke für Eisenbahner und das Gaswerk stehen. Im Luftschutzkeller auf dem Fabrikgelände fanden sie gerade noch Schutz. Denn schon folgte der zweite Angriff: Die Bomben trafen auch die Wohnblöcke und das Gaswerk.

Raus aus der Stadt

Als es ruhiger wurde, haben die Schüler Salzwedel fluchtartig verlassen, sind zu Fuß entlang der Bahnlinie nach Rockenthin, ihrem Wohnort. Dauernd seien Detonationen zu hören gewesen, die von explodierender Artillerie-Munition, herrührte, wie er später erfahren habe. Sie hätten sich immer wieder umgeschaut. „Wir haben auch die hohen Flammen vom brennenden Gaswerk gesehen“, schildert Waldemar Panczyk.

Unzählige Reisende, die die andere Tunnel-Richtung gewählt haben, sind verschüttet worden und durch einströmendes Wasser ertrunken, das vom Wasserkran herrührte, der Dampflokomotiven speiste. Auch Eisenbahn-Mitarbeiter, die sich im Sozialgebäude aufhielten, das hinter dem heutigen Fahrradständer gestanden hat, sind ums Leben gekommen. Der Bombenangriff hat weit mehr als 200 Menschen das Leben gekostet. Am Tag danach sei der Bahnhof und das umliegende Gelände „eine Stätte des Grauens“ gewesen.

Lehre als Maschinenschlosser

Walter Panczyk war lange Zeit traumatisiert. „Ich wollte nicht daran erinnert werden. Deshalb bin ich auch nie zur Kranzniederlegung am 22. Februar gegangen. Aber die Bombenentschärfung Ende Januar hat die Vergangenheit wieder wachgerüttelt“, sagt der Salzwedeler mit bewegter Stimme.

Eigentlich wollte der Jugendliche nach dem Erlebten auch nie wieder Zug fahren. Doch er hat nur fünf Wochen nach dem 22. Februar 1945 eine Lehre als Maschinenschlosser im unversehrten Lokschuppen begonnen. Er habe mit an den schadhaften Lokomotiven gearbeitet, die durch Bombardierung und Bordkanonen-Beschuss nicht mehr einsatzfähig gewesen seien. Sein Lehrgeselle habe immer darauf geachtet, dass die Fahrräder unmittelbar am Arbeitsplatz standen, erinnert sich der Salzwedeler. „Bei Fliegeralarm sind wir in die Wiesen in Richtung Hoyersburg gefahren“, erzählt der 89-Jährige. Denn die Angst, dass die Flieger wieder kommen und den Lokschuppen zerstören würden, war allgegenwärtig.

Wunsch: Nie wieder Krieg

Später hat Waldemar Panczyk als Lokführer gearbeitet, hat sich auf der Schiene wohl gefühlt. Doch das Erlebte kann er nicht vergessen. Der 89-Jährige fügt leise hinzu: „Es darf ruhig alles teurer werden. Aber es darf nie wieder Krieg geben.“