Beetzendorf l Sie sind in den Lagern, Sachsenhausen, Buchenwald oder Mühlberg an der Elbe geboren worden. Kinder, deren Mütter nach dem Krieg von den sowjetischen Besatzern inhaftiert wurden. Insgesamt gab es zehn solcher Speziallager des Volkskommissariates für Innere Angelegenheiten (NKWD) in der sowjetischen Besatzungszone. Und in ihnen kamen Kinder zu Welt, die für die sowjetischen Kommandanturen offiziell nicht existierten, wie Alexander Latotzky vom Verein „Kindheit hinter Stacheldraht“ erzählte. In ihm haben sich 17 Männer und Frauen zusammengeschlossen, die ihre ersten Lebensjahre in einem solchen Lager verbrachten und deren ganzer Lebensweg von diesem Schicksal geprägt ist.

Der Zuspruch war groß. Viele Interessenten waren ins Haus der Vereine in Beetzendorf gekommen, um die Zeitzeugen zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Zunächst sahen sie einen Film von Hans-Dieter Rutsch, in dem die Biographien einiger Betroffener dargestellt waren. Bewegende und traurige Geschichten, die das Publikum fesselten und in denen auch Beetzendorf vorkam. Denn Ekkart Neudeck, dessen Eltern in Beetzendorf lebten, ist 1946 in Sachsenhausen geboren. Seinen Eltern war vorgeworfen worden, Kapitalisten zu sein, die die Arbeiterklasse ausbeuteten. Und so war seine schwangere Mutter, Elisabeth Neudeck, nach Sachsenhausen verschleppt worden, wo sie ihren Sohn bekam. Vom Hunger geschwächt, ohne ärztlichen Beistand, ohne jegliche Ausstattung für ein Baby. Aus Kleidern von Toten haben die Frauen Windeln und Sachen für die Kinder genäht. Mitfühlende Krankenschwestern und Mithäftlinge versuchten, sie so gut es geht zu unterstützen. Eine Kartoffelkiste diente als Wiege. In dem Film berichten Frauen, wie sie aus Melde und anderen Pflanzen versucht haben, Essen zu kochen, Kalkputz aus den Wänden der Baracken kratzten, damit ihre Babys Calcium für Knochen und Zähne bekamen. Der Mangel kostete viele Kinder das Leben. Wie viele überhaupt unter diesen widrigsten Umständen geboren wurden, ist nicht überliefert, wie Latotzky erzählte.

Frauen waren unschuldig

Der inzwischen verstorbene Ekkart Neudeck und seine Mutter wurden 1948 entlassen. Damals wollte der Junge zurück nach Hause – ins Lager. Er kannte keinen Garten und keine Früchte und auch die normale Kleidung nicht. Später musste er sich von Mitschülern als Zuchthäusler beschimpfen lassen. Da sein Vater Österreicher war, gelang es der Familie die DDR zu verlassen und sich in Österreich eine Zukunft aufzubauen.

Bilder

1950 wurde das letzte dieser Lager aufgelöst. Insassen, die noch nicht verurteilt waren, wurden entlassen. „In ihnen waren auch Kriegsverbrecher oder Funktionäre des Nazi-Regimes inhaftiert“, erklärte Latotzky. Wer politisch nicht mit den neuen Machthabern auf einer Linie war, musste ebenfalls damit rechnen, deportiert zu werden. Der überwiegende Teil, vor allem der Frauen, war unschuldig wegen Denunziation oder abwegiger Verdächtigungen eingesperrt. Dies ist inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen. „Ich habe erst mit 55 Jahren die Gewissheit bekommen, dass meine Mutter und ich unschuldig gewesen sind“, hatte Ekkhart Neudeck, für eine Dokumentation gesagt. 36 Prozent aller Insassen überlebten die Haftbedingungen nicht.

Frauen, die ins Gefängnis Hoheneck überführt wurden, sahen ihre Kinder oft erst viel später oder gar nicht wieder. Oft sollten sie Adoptionen zustimmen, wurden gar dazu gedrängt, als Spionin für den sowjetischen Geheimdienst oder die Staatssicherheit zu arbeiten. Gerade die in den 50er Jahren in Gefängnissen eingesperrten Frauen, haben ihre Söhne oder Töchter oft viele Jahren nicht gesehen.

Völlig entfremdet

So erging es auch der Mutter Rüdiger Sachs, wie er nach dem Film erzählte. Sie war im Gefängnis, konnte aber erreichen, dass er bei Onkel und Tante bleiben konnte. Als sie nach vielen Jahren entlassen wurde, sei er seiner Mutter völlig entfremdet gewesen. Erst als Erwachsener habe er eine engere Beziehung aufbauen können. „Heute, wo ich selbst Kinder und Enkel habe, kann ich nachvollziehen, wie ihr zu Mute gewesen sein muss“, erzählte er. Alle, die aus den Lagern entlassen wurden, mussten sich verpflichten, darüber zu schweigen und so blieb das Thema, zumindest im Osten Deutschlands, bis zur Wende meist unbekannt.

Die Vorsitzende des Heimatvereins hatte noch eine Ausstellung mit Briefen ihres Großvater Hermann Gause und Dokumenten seiner Zeit in einem der Lager ausgestellt. „Der Krieg war 1945 nicht zu Ende“, sagte sie in der Diskussion. Die Folgen wirkten noch Jahrzehnte und eigentlich bis heute nach. An den Biographien der „Lagerkinder“ sei zu erkennen, „was Krieg mit uns macht.“ Deshalb könne sie auch die Haltung einiger Zeitgenossen gegenüber Kriegsflüchtlingen nicht verstehen. „Diese Leute haben nichts gelernt“, sagte Elfriede Schulze, die im Lager Mühlberg geboren wurde.

Mehr zum Verein unter: http://www.kindheit-hinter-stacheldraht.de/