Renate Feudelmann stand am Fuße der schneebedeckten Treppenstufen zur ehemaligen Pablo-Neruda-Schule in Schönebeck. Vor fünf Jahren war das noch ein lebhafter Ort, dachte sie. Zu wenige Kinder für zu viele Schulen hatte es damals in der Elbestadt gegeben. Dass gerade diese Schule schließen musste - purer Zufall. Durch die offene Eingangstür erreichte Feudelmann den Flur. Hier und da hingen noch Bilder an den Wänden, krakelige Gesichter, mit Buntstift gemalt. „Meine Familie“ stand unter einer der Zeichnungen. Einige gebastelte Weihnachtssterne hingen von der Decke. „Passt doch. So wenige Tage vor Weihnachten“, dachte sie und schwor sich im selben Augenblick, spätestens morgen die restlichen Geschenke zu besorgen.

Die 58-jährige Putzfrau musste sich beeilen, bald würde der Rest einer Reinigungskolonne eintreffen. Bis morgen musste die ehemalige Schule wieder sauber aussehen. Dann würden hier 40 Flüchtlingsfamilien einziehen. Eine ziemliche Hauruck-Aktion, wie sie fand. Doch wo sollten die armen Leute sonst auf die Schnelle untergebracht werden? Außerdem war ja bald Weihnachten.Der Landrat hatte sich angesichts der akuten Notlage entschieden, die ehemalige Schule provisorisch zu ertüchtigen. Es hieß, man könne hier schnell wieder den Strom und die Wasserversorgung hochfahren. Die 58-jährige Schönebeckerin sollte das Vorabkommando bilden, gemeinsam mit dem ehemaligen, schon vor Jahren pensionierten Hausmeister der Schule, mit Horst Kasupke.

„Herr Kasuuuupke“, rief sie durch die Gänge. Keine Antwort. Ein wenig unheimlich war das schon. Sie durchstreifte die Flure, blickte in die Waschräume. Sieht doch noch passabel aus, ertappte sie sich bei dem Gedanken, den einen oder anderen Raum bei ihrem Reinigungmanöver mit etwas weniger Zuwendung zu bedenken. Es sollte und musste ja schnell gehen.

Feudelmann auf der Suche

Selbst der Schlüssel für die alte Schule war inmitten der überstürzten Anweisungen nicht zu finden gewesen. Weder beim Schulamt noch bei der Verwaltung. Deshalb hatte man den ehemaligen Hausmeister angerufen. Dass dieser noch einen Nachschlüssel besaß – ein Glück. Na ja, ansonsten hätte man die Tür aufgebrochen. Kein schöner Eindruck, den eine kaputte Tür auf die Flüchtlinge gemacht hätte, dachte sich die Putzfrau. Aber der Zweck heiligt die Mittel. „Heilige Mittel“, freute sie sich über die weihnachtliche Metapher.

Wo war er bloß, der Herr Kasupke? Die Eingangstür hatte offen gestanden, er musste bereits da sein. Vielleicht im Keller, wo sich früher Küche und Lagerräume befunden hatten. Sollte sie verwundert sein? Auch hier war schon das Licht an. „Das ging ja wirklich fix“, dachte sie sich, von ihrem Selbstgespräch sichtlich belustigt. Im Keller sah es sogar noch sauberer aus. Als hätte hier ab und an mal jemand nach dem Rechten gesehen. Sicher, eine feine Staubschicht lag auf dem übriggebliebenen Mobiliar und … „Igitt“, hier war etwas ausgelaufen, eine braune Lache lief in feinen Rinnsalen über den Flur. Das konnte ja nur von der Heizung kommen. „Herr Kasupke“, rief sie noch einmal laut und deutlich.

Konnte sie ahnen, dass der Hausmeister sie nicht mehr hören würde? Als Feudelmann den leblosen Körper auf dem Boden liegend erblickte, ging der Kreislauf mit ihr durch. Im Fallen dachte sie noch: „Die Sauerei kriech‘ ich nicht mehr wech.“ Die bräunliche Lache, die Renate Feudelmann gesehen hatte, war dunkelrotes Blut, das aus einer großen Kopfwunde strömte. Hausmeister Horst Kasupke war tot.

Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.