Calbe l Einen Weg finden, aus menschlichen Ausscheidungsendprodukten Gold zu machen - das war zugespitzt gesagt die Vision von Michael Tecklenburg. In der ersten Ausgabe der hauseigenen Verbandszeitung im Jahr 2010 informierte der damalige AZV-Geschäftsführer: „Mit Partnern aus dem Hochschulbereich und der Industrie engagieren wir uns, das ´Produkt´ Klärschlamm weiter zu veredeln.“ Etwa 7000 Tonnen davon fielen zu diesem Zeitpunkt in der Calbenser Kläranlage an. Das Volumen dieser Mengen sollte einerseits durch geeignete Verbrennungsverfahren eingedampft und damit leichter werden. Andererseits sollten darin enthaltene Stoffe wie Phosphor, dessen weltweite Vorräte Experten in rund 100 Jahren aufgebraucht sehen, für mineralischen Volldünger für die Landwirtschaft aufbereitet werden.

Die Idee war auch vor dem Hintergrund geboren, das aus Berlin eine Verschärfung der Klärschlammverordnung droht, die ein „pures“ Ausbringen von Klärschlamm auf Feldern erschweren wird. So verfolgte der heute 46-Jährige einen zweifellos vorausschauenden Plan, der in seiner Umsetzung offenbar alles andere als sauber war.

Rückblick: Im Jahr 2012 fielen einer vom Rechnungsprüfungsamt des Salzlandkreises beauftragten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft beim Jahresabschluss 2010 Unregelmäßigkeiten auf. Die Verbandsversammlung wiederum fiel aus allen Wolken und fasste den Beschluss, Tecklenburg erst zu suspendieren und schließlich wie seinen Stellvertreter Thomas Thamm fristlos zu entlassen. Die Verbandsversammlung stellte gegen das Duo Strafanzeige wegen Untreue. Der Grund: Beide schlossen an der Verbandsversammlung vorbei im Alleingang Verträge. Dafür verwendeten sie zweckentfremdet öffentliches Geld aus dem Verbandsvermögen. „Und das in erheblicher Höhe“, sagt der neue AZV-Geschäftsführer Uwe Scholz im Volksstimme-Gespräch. Dabei soll es sich um rund 1,3 Millionen Euro handeln.

Ermittlung der Staatsanwaltschaft

Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Magdeburg sei Tecklenburg in insgesamt zehn Fällen wegen Untreue angeklagt worden, erklärt Scholz weiter. Acht seien sofort wegen Geringfügigkeit eingestellt worden, in einem Fall sei ein Freispruch erfolgt. Im verbliebenen Fall wurde Anfang September diesen Jahres Tecklenburg am Amstsgericht Magdeburg unter teilweisem Freispruch zu einer Geldstrafe von drei Monatseinkommen (9000 Euro) verdonnert, das Verfahren gegen Ex-Stellvertreter Thomas Thamm gegen eine Zahlung von 1750 Euro an das Land eingestellt.

„Gegen das Urteil haben sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der Angeklagte Berufung eingelegt. Der Prozess wird nun komplett neu verhandelt“, sagt Gerichtssprecher Christian Löffler. Prozessbeginn ist am morgigen Donnerstag vor der vierten Wirtschafts-Strafkammer am Magdeburger Landgericht.

Doch dem AZV geht es um weitaus mehr, macht Scholz deutlich. Der Verband klagt weiter auf Wiedergutmachung des entstandenen Schadens. Der Grund: Mit den veruntreuten Geldern wurden patentierte Verfahren zur Phosphatdüngergewinnung aus Klärschlamm entwickelt. Und das durchaus erfolgreich: Im Juni zeichnete die ausrichtende Wirtschaftsinitiative Mitteldeutschland die Reco Phos Consult GmbH, in mit dem „IQ Innovationspreis Mitteldeutschland 2013“ aus. Die Wirksamkeit des Düngers haben „Gutachter der Humboldt-Universität zu Berlin und der Technischen Universität München bestätigt“, heißt es im Portrait des Siegers.

Scholz macht deutlich, dass außerdem auf zivilrechtlichem Weg mögliche Regressansprüche gegen Tecklenburg und Thamm geprüft werden sollen. Denn wenn das von ihnen mitentwickelte Patent zur Anwendung kommt, würde eine Lizenzgebühr fällig, die eigentlich dem Verband zustünde, so Scholz. Sonst bliebe der Verband und letztendlich die AZV-Mitgliedsgemeinden auf dem Verlust sitzen.