Kriminalhauptkommissar Harry Krall konnte nicht fassen, dass man ihm nun auch noch den freien Tag vermiesen musste. Der Anruf seines Assistenten Plärrer hatte den Kommissar kurz nach dem Mittagessen erreicht. Nun lagen ihm 200 Gramm Pellkartoffeln mit Quark und die Pferdefleischwürste vom Bauern in Welsleben im Magen. Er stieg in seinen alten Audi 100. Eng war es. Die Zeiten, in denen ein kleines Bäuchlein über dem Gürtel gespannt hatte, waren unwiderruflich vorbei. Was sich heute zwischen Lenkrad und Kommissar auftürmte, konnte getrost als ausgewachsene Plauze bezeichnet werden. Doch er war mit seinen 52 Jahren nicht mehr allzu eitel. Was soll das, den Toten ist‘s gleich, dachte er sich.

Während er in die Hauptstraße von Biere einbog, winkte er dem Jugendwehrleiter der freiwilligen Feuerwehr zu, der gerade vor dem Gerätehaus an einer „Schwalbe“ herumbastelte. In Bördeland wohnte er seit fünf Jahren - seit ihn seine heutige Ex-Frau zugunsten eines schnöseligen Bankberaters abserviert hatte.

Sein Ziel, die Wilhelm-Hellge-Straße in Schönebeck war knappe zehn Kilometer entfernt. Auf der L69 fühlte er sich wie auf dem offenen Meer, der Wagen wogte von links nach rechts. Oder kam ihm das nur so vor, weil er nach dem Essen zwei Magenbitter heruntergestürzt hatte?

Die Eggersdorfer Straße hinabbrausend, kam bereits das Gradierwerk in Sichtweite. Im angrenzenden Kurpark hatten er und seine Ex Ute sich das erste Mal getroffen. Ein heißer Sommer war es damals gewesen, jetzt war hier alles schneebedeckt. Beim Kommissar kam Wehmut auf. Heute wollte Ute nichts mehr von ihm wissen und lebte mit diesem aufgeblasenen Banker in der Schönebecker Akazienstraße. In dem einst von Drescher gebauten Haus. Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Der Magenbitter ließ ihn aufstoßen.

Tatort-Begehung mit Hindernissen

Von der Edelmannstraße aus meinte Krall mit einem Blick über die Schulter die weihnachtliche Beleuchtung erahnen zu können, die den Salzer Markt erstrahlen ließ. Wenige Tage waren es noch bis Weihnachten. Er würde an Heiligabend wieder bis in die Puppen bei seiner Mutter in Frohse sitzen, während Ute mit ihrem … Ach was soll’s. Sein einziger Lichtblick für den 24. Dezember ließ sich in einem Wort zusammenfassen: Whisky.

Schon von Weitem sah er den Assistenten Plärrer an der Wilhelm-Hellge-Straße warten. Er stand wie verabredet vor der ehemaligen Pablo-Neruda-Schule. Er hasste diesen Kerl, frisch von der Uni, ein etwas gleichgültiger Kriminologe, vollkommen grün hinter den Ohren. Außerdem roch er immer fürchterlich nach kaltem Rauch. Krall parkte den Audi.

Plärrer kam mit weinerlichem Gesicht auf den Kommissar zu: „Lange kann ich diese Pressetypen nicht mehr zurückhalten, die scharren schon mit den Hufen.“ Krall schlüpfte unter dem Flatterband hindurch und schleppte sich mit seinem zum Bersten gefüllten Pellkartoffelbauch in Richtung des Eingang zum Schulgebäude. „Immer mit der Ruhe Plärrer. Führen sie mich erstmal zum Toten. Dann können wir ja ...“

„Herr Krall. Mareike Mull mein Name. Redakteurin des Schönebecker Tageblatts. Können Sie bereits sagen, was passiert ist?“ Eine Frau mit kurzen Haaren und Lederjacke sprang Krall in den Weg. Neben ihr knipste ein etwas verwahrlost aussehender Redakteur ein Bild nach dem anderen. Den Mann kannte Krall. Als er einmal ein Interview in der Redaktion gegeben hatte, wollte ihn der Schlaks danach unbedingt zum Essen einladen. „Ich koche immer mit schön viel Knoblauch“, hatte er damals in der Küche gesagt, dabei eine Zehe nach der anderen geschnitten. Krall war von allen Kollegen drei Tage im Büro gemieden worden. Er mochte diesen Typen einfach nicht.

„Ich möchte Sie bitten, dem Objekt fernzubleiben“, sagte Krall. „Wir müssen zunächst den Tatort sichern. Wenn er ganz ehrlich war, verabscheute er diese Pressetypen durch die Bank. Nur wenige Meter von der Schule entfernt, saßen sie in der Hellge-Straße in einem spröden Zweckbau aus den Neunzigern. Wenn mal etwas in der Elbestadt vorfiel, was selten genug vorkam, stürzten sich die Schreiberlinge sofort auf die Ermittler und versuchten, sie auszuquetschen. „Wir wollten nur kurz …“, versuchte es die Redakteurin erneut. „Hier sind jetzt erstmal Profis gefragt“, unterbrach Krall die Frau und eilte mit Plärrer zu seiner Rechten gen Schulgebäude. „So die haben wir erstmal abgeschüttelt“, sagte Krall erleichtert.

„Na ja, genau genommen haben sie wahrscheinlich schon, was sie wollen“, meldete sich ein wie immer kränklich dreinblickender Plärrer. „Wie, was soll das heißen?“, fragte der Kommissar. „Der Fotograf, dieser schlaksige Kerl mit den fettigen Haaren, kam mir bereits entgegen, als wir vor zwanzig Minuten angekommen sind. Die Putzfrau, die Kasupke gefunden hat, weiß nicht, seit wann der da schon rumgestiefelt ist.“

Krall fühlte, wie er kurz vor dem Explodieren war. In seinem Magen rumorten die geräucherten Würste. Die Presse schnüffelte vor ihm am Tatort herum. „Stellen Sie einen Kollegen ab, der die bei- den da draußen festhält“, kommandierte er. Als Verdäch- tige ...

(Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.)