Nachdem Feudelmann aufgrund des Schocks zusammengebrochen war, erwachte sie, als sich ein alter Mann über sie beugte und um sie kümmerte. „Der Fotograf war nicht der Einzige im Haus?“, fragte Krall. „Nein“, sagte Plärrer. „Der ehemalige Direktor der Neruda-Schule, Waldemar Backhaus-Müller, da hinten sitzt er im Schnee.“ Er sagt, er habe das mit den Flüchtlingen heute morgen auf der Internetseite des Schönebecker Tageblatts gelesen und sich gleich auf den Weg gemacht. Er habe helfen wollen, gesehen, dass die Tür offenstand und dann den Toten und die bewusstlose Renate Feudelmann entdeckt. Dann habe er sie aufgepäppelt und sich danach draußen in den Schnee gesetzt. Dem Schock geschuldet, sagt er.“

„Das wird ja immer schöner“, sagte der Kommissar. Sein Magen blubberte regelrecht. Erst jetzt merkte er, dass er noch immer den Schuhkarton mit den Blüten unter dem Arm trug. Er nahm seinen Schal und deckte die Bündel darin notdürftig ab.

Es schneite wieder. Gift für die Spurensicherung. Vor der Tür sah er Direktor Backhaus-Müller neben einem Pulk von Putzfrauen, Handwerkern und Freiwilligen, die die Betten für die Flüchtlinge aufbauen sollten, sitzen. Krall ging auf ihn zu: „Waldemar“.

Verräterische Blüten

Backhaus-Müller, ein hochgewachsener Mann Mitte sechzig. Blass sah er aus, als er Krall entdeckte. „Sehnsucht nach der alten Wirkungsstätte?“, fragte dieser. Die beiden Männer kannten sich noch aus dem Schönebecker Lions-Club, hatten sich aus den Augen verloren, als Krall in der Zeit seiner Scheidung ausgeschieden und nach Biere gezogen war. Der Direktor hatte sich nach der Schließung der Schule frühzeitig pensionieren lassen. Könnte er etwas mit dem Mord an Hausmeister Kasupke zu tun haben?

Ein Gedanke beschlich den Kommissar: Lange Zeit hatten Kasupke und Backhaus-Müller zusammengearbeitet - vielleicht war daraus nach Schließung der Schule eine fruchtbare Geschäftsbeziehung geworden … „Ich, ich, habe wohl gerade im Schock gehandelt“, sagte der ehemalige Direktor. „Kein schöner Umstand, sich wiederzusehen, Harry. Füllig bist du geworden“, stellte Backhaus-Müller beim Blick auf den gespannten Trenchcoat des Kommissars fest.

Krall rümpfte die Nase. „Waldemar, du hast also davon gehört, dass hier kurzfristig Flüchtlinge einziehen sollen, bist hergefahren, durch die offene Tür ins Gebäude und hast die Frau Feudelmann im Keller versorgt?“ „Genau“, entgegnete Backhaus-Müller. „Und warum hast Du nicht versucht, Herrn Kasupke zu animieren?“ „Na, um genau zu sein, sah der schon ziemlich mausetot aus. Als ich merkte, dass die Feudelmann nach meinen Backpfeifen atmet, bin ich wie von Sinnen raus und hab mich in den Schnee gesetzt.“

Backpfeifen. Aha. Krall überlegte, der Magen gluckerte bedrohlich, er zog den Schal von der Pappschachtel mit den Blüten, von denen, wie er erst jetzt bemerkte, durch die hastige Bewegung ein kräftiger Geruch ausging. Backhaus-Müller bekam große Augen. „Harry, das ist ja einiges an Geld in dem Karton.“ „Blüten, um genau zu sein, und ich glaube, dass noch mehr Geld hier gelagert hat und es sich jemand, bevor wir angekommen sind, unter den Nagel gerissen hat“, sagte Krall.

Als wollte er die Spur der verschwundenen Scheine aufnehmen, bewegte Krall seine Nase über die gefälschten Hundert-Euro-Noten.

Dieser Geruch - das war doch … Fast wähnte er sich in Siebenbürgen bei der Großmutter Krall, Gott hab‘ sie selig. Der Kommissar nahm eines der Bündel heraus, beroch nochmal einzelne Scheine. Das war es. Im nächsten Leben würde er Spürhund werden. Der Kommissar packte den verdutzten Backhaus-Müller, schleifte ihn am Arm ruppig durch den frischen Schnee.

An der Hellge-Straße parkte ein Wagen der Polizei. In ihm saßen die Zeitungsredakteurin, der schlaksige Fotograf und Putzfrau Feudelmann. Plärrer stand vor dem Auto. „Chef, die Spurensicherung ist da, haben schon unten angefangen.“

Kralls Geistesblitz

„Wird nicht mehr nötig sein, Plärrer, ich weiß, wer Kasupke ermordet hat.“ Dabei blickte der Kommissar verschwörerisch in die Runde. Feudelmann sah noch immer ziemlich mitgenommen aus, der schlaksige Fotograf blickte dümmlich in Richtung seiner Journalisten-Kollegin, während Backhaus-Müller den Blick wie gebannt auf die Geldscheine in dem Karton unter Kralls Arm richtete. Anstalten zu flüchten machte niemand von ihnen.

„Es gibt bei Falschgeld drei Methoden, Blüten herauszufinden. Die heißen Fühlen, Sehen, Kippen. An gut gemachten Blüten sollte man übrigens wie an echtem Geld mal riechen. Da Euroscheine aus stärkefreier Baumwolle bestehen, nehmen sie Gerüche sehr stark auf. Und da es beim Geldfälschen an einem bestimmten Punkt gilt, die Gummihandschuhe auszuziehen und das Geld zu betasten, kann es vorkommen, dass an Scheinen markante Gerüche hängenbleiben“, sagte Krall.

Die Handschellen klickten. „Krall, ich muss schon sagen, sie haben eine feine Nase“, sagte Plärrer mit hoher Stimme. Doch der Kommissar hörte nicht mehr. Er hatte zu rennen begonnen. In Richtung des Schulgebäudes eilte er mit eigenartig langgezogenen Schritten durch den mittlerweile knöchelhohen Schnee. Die Welsleber Pferdewürste forderten nun endgültig ihren Tribut. Für die Flüchtlinge würde kurzfristig ein neues Quartier gefunden werden müssen. Die Helfer begannen bereits Betten in der nahegelegenen Vollbring-Turnhalle zu errichten. In der Neruda-Schule wurden die Gerätschaften der Fälscher beschlagnahmt. In einigen Tagen würden die Menschen in Schönebeck Weihnachten feiern. Kommissar Harry Krall saß auf der Toilette der ehemaligen Schule. „Uhhhhh“, tönte es durch die Gänge. Es war das erste Mal, dass sich der Ermittler an diesem Tag so richtig erleichtert fühlte. Jetzt würde er auch noch dieses verfluchte Weihnachtfest überstehen.

Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.