Schönebeck l Warum nicht Allendorff? Allendorff? Moment einmal - der Name ist doch bekannt ... Wer war das noch mal gleich?

Um es vorweg zu nehmen: Wenn Allendorff nur ein einziger Mensch gewesen wäre, wäre die Angelegenheit leicht zu schildern. Aber hier ist von einer Familien-Dynastie die Rede. Zumindest eines steht fest: Die Allendorffs haben sich in mehrfacher Hinsicht um Schönebeck verdient gemacht. Dieser Meinung ist auch Volksstimme-Leser H.-W. Baum. Er bezieht sich in seiner E-Mail an die Lokalredaktion auf einen Artikel in der Volksstimme, in dem es um Informationstafeln geht, die jetzt nach und nach in Straßen angebracht werden sollen, die nach Schönebeckern benannt worden sind. In seiner Zuschrift formuliert Baum: „In diesem Zusammenhang rege ich an, den Namen Allendorff nicht zu vergessen.“

Das Problem ist nur: Es gibt gar keine Allendorff-Straße im Stadtgebiet. Aber es gab sie einmal. Die heutige Heinrich-Heine-Straße trug einst den Namen Allendorff. Auch darauf macht der E-Mail-Schreiber aufmerksam. Und er ergänzt: „Ich würde es begrüßen, wenn es wieder eine Allendorffstraße in Schönebeck gäbe. Was sagt der Stadtrat dazu?“ Gute Frage.

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Aber zuvor zurück zu den Allendorffs. Was sie geschaffen und geschafft haben, ist eine ganze Menge. Nach Volksstimme-Recherchen beginnt die Geschichte mit Wilhelm August Allendorff. Der erblickte das Licht der Welt am 24. Oktober 1799 in Grünewalde. Sein Bruder August Ludwig war Stadtrat in Schönebeck. Aus den Analen geht hervor, dass die Brüder 1836 die väterliche Brauerei in der Steinstraße/Broihangasse übernahmen (Broihan leitet sich von Brauhaus ab). Der Name des Vaters ist der Volksstimme nicht bekannt. Die Söhne ließen die Brauerei erweitern (es wurde jetzt auch Schnaps gebrannt) und auf dem Hummelberg ein großes Kellergewölbe anlegen. Auch das soziale Engagement war bei beiden Männern ausgeprägt: 1843 richteten die Brüder in der Tischlerstraße eine Kinderbewahranstalt ein, um Kinder von berufstätigen Eltern zu verköstigen und zu pflegen.

Neue Brauerei am Hummelberg 1866

Im Jahr 1866 begannen die Arbeiten für eine neue Brauerei auf dem Hummelberg. Aus der Ehe zwischen Wilhelm August und seiner Frau Berta (geborene Palm) entstammten die Söhne Paul Martin Friedrich und Otto Moritz. Als sich die ältere Generation 1870 aus dem Geschäftsleben langsam zurückzog, übernahmen sie den Betrieb von Vater und Onkel. Es war eine bewegte Zeit. Unter der strengen Ägide des preußischen Reichskanzlers Otto von Bismarck fanden sich die vielen deutschen Kleinstaaten zu einem Nationalstaat zusammen. Der preußische König Wilhelm ließ sich in Versailles zum deutschen Kaiser ausrufen. Was lag da näher, als die neue Brauerei auf dem Hummelberg entsprechend zu benennen: „Kaiserbrauerei“. Der Betrieb entwickelte sich zu einem der größten seiner Art in der damaligen Provinz Sachsen. Ob es am Namen lag oder an der Qualität des Gerstensaftes, ist so deutlich nicht überliefert.

Paul Martin Friedrich und Otto Moritz ließen außerdem eine Dampfziegelei, eine Zichoriendarre sowie Zuckerfabriken in Groß Salze, Gottesgnaden, Groß-Paschleben und Klebzig bei Köthen errichten. Otto Moritz gründete 1904 die Sprengstoff- und Patronenfabrik. Es war quasi der Vorgängerbetrieb des späteren Sprengstoffwerkes Schönebeck. Otto Moritz hatte die Söhne Otto August Wilhelm und Walter. Otto August Wilhelm trat nach seiner Promotion (er studierte Chemie, Physik und Botanik) 1892 in das väterliche Unternehmen ein, das er 1912 übernahm.

Aufgrund familiärer Probleme (vermerkt ist das Wort „Scheidung“), musste er schon 1913 die Sprengstoff- und Patronenfabrik verkaufen. Allerdings erwarb er daraufhin vier Brauereien und übernahm die Portland-Zementfabrik Schönebeck.

Nach dem Tod von Otto August Wilhelm 1922 übernahm sein Bruder Walter das Unternehmen. Durch die Weltwirtschaftskrise beeinflusst und von wirtschaftlichen Fehlschlägen begleitet, wurde das Unternehmen auf die Schönebecker Betriebsteile (Brauerei, Ziegelei und Landwirtschaft) reduziert und 1945 enteignet. So schreibt es der Schönebecker Heimatforscher Hans-Joachim Geffert, auf dessen Nachforschungen auch ein großer Teil dieses Textes basiert.

Haben die Schönebecker Ideen?

Soweit - und zwar in Kurzform - zur Familiengeschichte der Allendorffs.

Was also sagt der Stadtrat zum Vorschlag einer Straßenbenennung? Die Volksstimme fragt erst einmal die Chefs der drei großen Fraktionen. Sabine Dirlich (Die Linke) steht dem Vorschlag aufgeschlossen gegenüber. Einziger Ausschlussgrund für sie ist, wenn eine Person während der NS-Zeit eine politische Rolle gespielt hat. „Ein Mensch, heißt es, lebt so lange, wie man sich an ihn erinnert“, stellt Sabine Dirlich eine Weisheit in den Raum. Vielleicht lasse sich, so ihre Idee, eine Straße mit einem lapidaren Namen umbenennen. „Obwohl Umbenennungen vor allem für die Anwohner Probleme mit sich bringen“, gibt die Stadträtin zu bedenken.

Freilich könne auch eine neu zu benennende Straße auf Allendorff getauft werden, denkt der Fraktionschef der SPD im Stadtrat, Frank Schiwek, laut nach. Er sagt: „Wir hatten den Vorschlag gemacht, die kurze Verbindungsstraße zwischen Friedrichstraße und Schillerstraße, die über den Rewe-Parkplatz führt, mit dem Namen des verdienten Schönebecker Bürgermeisters Schaumburg zu versehen. Was dagegen sprach, war allerdings, dass diese Straße zu klein ist, um der Person gerecht zu werden.“ Daraufhin habe die SPD-Fraktion angeregt, das gesamte Einkaufscentrum den Namen Schaumburg-Center zu verleihen. Allein: „Bei Rewe stieß das nicht auf offene Ohren.“ Schiweks Vorschlag hinsichtlich Allendorff: „Vielleicht haben ja die Schönebecker Ideen?“

„Eine solche Straßenbenennung kann ich nur begrüßen“, versichert der Fraktionschef der CDU, Torsten Pillat. In Höhe der Paulstraße ist ein neues Wohngebiet geplant. Vielleicht könnte hier eine Allendorff-Straße entstehen, meint Pillat. Er kann sich gut vorstellen, für diese Initiative den sprichwörtlichen Hut aufzusetzen und die Stadtverwaltung mit einer Prüfung zu beauftragen. „Wir haben am 8. Februar Fraktionssitzung. Ich werde dann den Vorschlag thematisieren“, sagt der Stadtrat.

Angemerkt sei an dieser Stelle noch, dass die Annastraße und die Helenenstraße nach den Vornamen von Frauen aus der Allendorff-Familie benannt sind. Gleiches gilt, beziehungsweise galt für die Rosestraße, die zu DDR-Zeiten in Johannes-R.-Becher-Straße unbenannt worden ist. Die Paulstraße erhielt ihren Namen nach dem Unternehmer und Stadtrat Paul Martin Friedrich Allendorff, der von 1838 bis 1901 lebte und in diesem Text namentlich erwähnt ist.

Kurzum: Warum also nicht Allendorff?