Schönebeck l In der Theorie hört es sich alles so schön an. „Shared Space“ (deutsch: „gemeinsamer Raum“) bezeichnet eine Planungsphilosophie, nach der ein vom Autoverkehr dominierter öffentlicher Straßenraum lebenswerter, sicherer sowie im Verkehrsfluss verbessert werden soll. Charakteristisch ist dabei die Idee, auf Verkehrszeichen, Signalanlagen und Fahrbahnmarkierungen zu verzichten. Gleichzeitig sollen die Verkehrsteilnehmer vollständig gleichberechtigt werden, wobei die Vorfahrtsregel weiterhin Gültigkeit besitzt.

Und in der Praxis? Einen rabenschwarzen Tag hat Volksstimme-Leser Erwin Garrandt kürzlich gehabt. Als er mit seinem Auto den neugestalteten Schönebecker Marktplatz mit „Shared Space“ befuhr und einem entgegenkommenden Fahrzeug auswich, kollidierte er rechtsseitig mit einer Sitzbank.

Wirtschaftlicher Totalschaden

Die Bank hat das ganz gut überstanden. „An der ist fast nichts zu sehen“, findet der Schönebecker. Leider hat es sein Auto in ganz derber Manier erwischt. „Ja, das ist richtig blöd gelaufen“, bilanziert Erwin Garrandt betroffen. Da der Boden des Fahrzeuges verzogen ist, lohne sich eine Reparatur nicht mehr, sagt der begutachtende Kfz-Meister. Wirtschaftlicher Totalschaden. Damit nicht genug. Jetzt hat der Rentner zwar kein Auto mehr, dafür aber einen Strafzettel der Polizei auf dem Schreibtisch und ein Verfahren wegen Sachbeschädigung am Hals. Die Stadt, konkret die Mitarbeiter des Ordnungsamtes, reagierten gänzlich humorfrei. „Man hat mir gesagt, dass ich eine Rechnung bekomme“, sagt der alleinstehende Mann mit einem leisen Seufzer.

Er findet, dass einige der am Markt aufgestellten Bänke aus Autofahrersicht nur schwer zu sehen sind. Deshalb ist er jetzt auch beim Oberbürgermeister vorstellig geworden, als der eine Sprechstunde anbot. Ihm hat er das durchaus ernst gemeinte Angebot gemacht: „Wenn die Herren vom Ordnungsamt mitmachen, dürfen sie sich einen Tag lang auf eine der Bänke setzen, und ich kellnere für sie die ganze Zeit. Am Abend will ich dann sehen, ob bei ihnen die Füße noch dran sind.“

Erwin Garrandt bezweifelt nämlich genau das. Er ist nach seinem Unfall mit Gewerbetreibenden am Markt ins Gespräch gekommen, und die hätten ihm versichert, dass ständig Fahrzeugführer Bänke nicht wahrnehmen und mit ihnen kollidieren. Dutzende Male sei das schon beobachtet worden. Und darum müsse sich etwas ändern. Die Sitzgelegenheiten müssten unbedingt auffälliger gekennzeichnet werden, damit nicht weiterhin solche Unfälle geschehen, findet Erwin Garrandt.

29 Kollisionen mit Bänken

Die Einschätzung des Lesers, das es nicht nur bei einem Unfall geblieben sein muss, bestätigt die Stadtverwaltung auf Anfrage der Volksstimme. „Es sind bisher 29 Vorkommnisse mit vier verschiedenen Bänken aktenkundig“, schreibt Stadtpressesprecher Hans-Peter Wannewitz. Trotz der Häufigkeit winkt die Polizei indes ab: Nein, das sei kein Unfallschwerpunkt, weil es bei Bagatellschäden blieb.

Bei jeder Bank, so die Stadt, wurden Teile ausgetauscht, auch wenn es sich um Kleinstteile handelte, wie Schrauben die verzogen waren. In den meisten Fällen mussten jedoch Holzleisten (Knieleisten, Zierleisten) ausgetauscht werden. „Es sind bis zum jetzigen Zeitpunkt rund 35.000 Euro an Reparaturkosten angefallen“, so Wannewitz.

Die Kritik der Einwohner nimmt die Stadt auch in dieser Frage ernst. Derzeit prüft sie die Möglichkeiten einer genaueren „Kenntlichmachung“ der flachen Sitzgruppe auf dem Marktplatz – in welcher Form auch immer.