Biere/Hakeborn | Tausende Bauern aus ganz Deutschland haben sich am Dienstag der letzten Novemberwoche mit ihren Traktoren auf den Weg nach Berlin gemacht. Dort demonstrieren sie gegen die Agrarpolitik der Großen Koalition. Unter ihnen auch viele Landwirte aus dem Salzlandkreis. Einer von ihnen ist Egbert Weber aus Hakeborn. Er ist gemeinsam mit seinen Kollegen Arthur Taentzler und Martin Dubiel aus Cochstedt und neun weiteren Kollegen bereits am Montag nach Berlin gefahren. „Wir wollten, dass die Menschen uns auch sehen“, sagt Weber.

Nach sechsstündiger Fahrt mit dem Traktor durch Schönebeck, Möckern, Ziesar und Brandenburg an der Havel und einer erholenden Nacht bei Potsdam kamen sie Dienstagmorgen in Berlin an. Was sie dort sehen, verschlägt ihnen die Sprache. „Die Kundgebung am Brandenburger Tor war ein Gänsehautmoment“, erzählt Arthur Taentzler. Es war zu spüren, dass endlich alle Bauern an einem Strang ziehen, so die Landwirte aus dem Salzlandkreis. Viele solidarisieren sich, egal ob große oder kleine, biologisch- oder konventionell- wirtschaftende Betriebe, für das gleiche Ziel: Endlich mehr Mitspracherecht in der Agrarpolitik.

Immer mehr Auflagen

Das ist bitter nötig, sagt Martin Dubiel. „Es gibt immer schneller, immer mehr Auflagen“. Der Leiter eines Familienbetriebs baut Sonderkulturen, wie Majoran und Thymian an. Das verschaffe ihm in der Gegend weiteres ackerbauliches Standbein. Aber durch die neuen Auflagen bei der Düngeverordnung könne auch er bald nicht mehr wirtschaftlich arbeiten.

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Für ihn und seine Kollegen liegt ein Hauptproblem bei den Ergebnissen der Nitratmessstellen in Deutschland. Diese sind in ganz Deutschland verteilt und messen den Nitratwert im Grundwasser. In Gebieten, wo sehr viel landwirtschaftliche Tierhaltung vorkommt, überschreiten, laut Umweltbundesamt, 28 Prozent der Messstellen den Schwellenwert (50 mg je Liter). In Ackerbauregionen, wie das Salzland, jedoch kaum. Der EU-Kommission wurden von der hiesigen Regierung nur die Höchstwerte gemeldet, nicht wie bei anderen EU-Ländern die Durchschnittswerte, erklärt Dubiel.

Zweifel an Ergebnissen

Die Landwirte zweifeln die Ergebnisse der Messungen an. Sie fordern, dass alle Eintragsquellen offengelegt werden, die das Grundwasser belasten. „Die Werte sollten aufgearbeitet und überarbeitet werden“, fordert Arthur Taentzler, der Mutterkuhhaltung betreibt. Die Messungen in den „Roten Gebieten“, wo der Grenzwert überschritten wird, sollen wiederholt werden.

Auch Norbert Schütze aus Biere kann den Unmut seiner Kollegen verstehen. Er beteiligt sich am Bauernprotest in Magdeburg. Der Geschäftsführer der LPG Bördeland e.G. bewirtschaftet circa 2300 Hektar Ackerfläche, die er mit Weizen, Raps, Kartoffeln und Zuckerrüben bestellt. Auch sein Betrieb litt unter den letzten beiden Dürrejahren und musste den Verlust der Hälfte seiner Kartoffelernte beklagen. Gerade jetzt sei die Unterstützung der Politik besonders wichtig. „Wir können die neuen Maßnahmen und Auflagen nicht umsetzen, so lange wir wirtschaftlich arbeiten wollen“, sagt Norbert Schütze als Reaktion auf das Agrarpaket und die Düngeverordnung.

Regelmäßig düngen

Man müsse, seiner Meinung nach, den Boden regelmäßig düngen, um dessen Fruchtbarkeit lange zu erhalten. Dabei wird die Düngung aber nur bei Bedarf und nicht in großen Mengen eingesetzt. Stickstoffdünger werde nur saisonal verwendet, sei aber für die Entwicklung der Pflanze essentiell, so Norbert Schütze. Die hohe Qualität der Produkte könnte ansonsten nicht gehalten werden.

Auch die Bekämpfung von Schädlingen und Unkraut durch Herbizide sei unabdinglich. „Die Pflanze muss die Chance kriegen, ohne Konkurrenz wachsen zu können“, sagt Schütze. Diese Mittel kämen aber nur in Ausnahmefällen zum Einsatz. „Wir Landwirte sind von der Natur abhängig und versuchen darum, im Einklang mit ihr zu leben. Wir wollen sie nicht ausnutzen“, stellt Norbert Schütze klar.

Keine pauschalen Einschränkungen

Daher die Forderung der Initiative „Land schafft Verbindung“: keine weiteren pauschalen Einschränkungen von Pflanzenschutzmitteln ohne wissenschaftliche Analysen. Die Bauern selbst seien auf die Bestäubungsleistung der Insekten angewiesen. Zum Beispiel für den Anbau von Raps und Erbsen. „Wir betreiben schon eigenständig Insekten- und Naturschutz, indem wir Imker an den Feldern platzieren oder Blühstreifen anlegen“, erklärt Egbert Weber. Die Schadorganismen müsse man dennoch bekämpfen. Per Maschinen- und Handhacke könne man Unkräuter nur unter sehr hohem Aufwand und Kosten in Schach halten.

Deshalb fordern sie, dass weitere Ursachen für den Insektenrückgang untersucht werden. Glyphosat sei bei den Bauern aus Hakeborn und Cochstedt kein Thema mehr. „Wir verzichten darauf und setzen stattdessen auf mehr und intensivere Bodenbearbeitung“, sagt Martin Dubiel. Ein Verbot von Insektiziden und Herbizide in Flora-Fauna-Habitat-Gebieten, wie rund um dem Hakel, könnte allerdings Existenzen ruinieren, so Arthur Taentzler. „Eine Bewirtschaftung ohne Herbizide und Insektizide im konventionellen Bereich wäre somit aufgrund des hohen Schädlings- und Unkrautdruckes nicht mehr möglich“, zeigt Taentzler die Konsequenzen der Auflagen auf. Für ihn wäre das eine kalte Enteignung der Landeigentümer.

Forderung von Planungssicherheit

Seiner Meinung nach verstehen Politik und Gesellschaft nicht, dass an den Betrieben die Existenzen von mehreren Generationen hängen. „Wir brauchen Planungssicherheit und nicht jedes Jahr neue Auflagen“, sagt Taentzler. Außerdem unterstütze man, zum Beispiel mit der Grundsteuer, die Kommunen und Vereine.

Für Norbert Schütze aus Biere sollte eine angeglichene Marktwirtschaft an erster Stelle stehen. „Die Preise für Lebensmittel werden in Deutschland künstlich kleingehalten“, bemerkt er. Die Landwirte hätten dadurch Schwierigkeiten unter den neuen Auflagen qualitativ hochwertige Produkte zu erzeugen. Dadurch sei es für Deutschland wirtschaftlicher, direkt aus dem Ausland zu importieren. Dafür müssten für diese importierten Waren die gleichen Pflanzenschutz- und Düngerichtlinien gelten, wie für einheimische Produzenten, meint Schütze.

Protest ist der Anfang

Die Teilnahme am Protest in Berlin war für Arthur Taentzler, Egbert Weber und Martin Dubiel ein erster Schritt in die richtige Richtung. Dennoch wollen sie weiter für ihre Forderungen kämpfen.