Schönebeck l Knapp 81 Jahre nach der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 scheint das Thema Antisemitismus, also der Hass auf Juden, in Deutschland wieder aktueller denn je zu sein. Eine repräsentative Umfrage des Jüdischen Weltkongresses, deren Ergebnisse am Donnerstag veröffentlicht wurden, zeigt deutlich: Jeder vierte Deutsche hegt laut Studie, für die 1300 Frauen und Männer befragt wurden, antisemitische Gedanken.

41 Prozent der Befragten seien zudem der Meinung, Juden redeten zu viel über den Holocaust. Doch warum Schweigen über den nationalsozialistischen Völkermord, der an rund sechs Millionen Juden – auch aus Schönebeck - von 1941 bis 1945 systematisch begangen wurde? Warum schweigen, über diese Gräueltaten, die noch heute so viele nicht nur jüdischgläubige Menschen weltweit betreffen und durch antisemitisch motivierte Straftaten wie jüngst in Halle immer von neuem in Erinnerung gerufen werden?

Synagoge als Ziel

Ähnlich wie die Männer der Sturmabteilung (SA) in der Reichspogromnacht, hatte es der Attentäter von Halle auf eine Synagoge abgesehen – mit dem Ziel, die Gläubigen, die geraden den höchsten Feiertag des Judentums, Jom Kippur, hinter den verschlossenen Türen ihrer Synagoge begingen, zu ermorden.

Im Gegensatz zu den Männern der SA – beispielsweise in Schönebeck –, gelang es dem jungen Mann allerdings nicht, gewaltsam in die Synagoge einzudringen. Zum Glück. Doch vermutlich war es dieser missglückte Versuch, seinen Plan umzusetzen, der zwei anderen Menschen das Leben kostete. Eine Frau, die den Attentäter angesprochen hatte, und ein Mann, der sich nur mal kurz einen Döner holen wollte, ließen an diesem Tag ihr Leben.

Zunehmender Antisemitismus

Zwei Leben genommen von einem 27-Jährigen mit antisemitischem Gedankengut, das es nach dem, was in der Zeit des Dritten Reichs passiert ist und was die Welt aus dieser Zeit lernen sollte, so nicht mehr geben dürfte. Dennoch: Antisemitismus ist real und nimmt zu. Trotz der hohen Anzahl judenfeindlicher Tendenzen in der aktuellen Umfrage des Jüdischen Weltkongresses, gaben zwei Drittel der Befragten an, dass sie den wachsenden Antisemitismus in Deutschland wahrnehmen würden.

Und gegen diesen wachsenden Antisemitismus muss etwas getan werden. Das sehen auch der Salzlandkreis, die Stadt Schönebeck, der Verein Rückenwind, die Geistliche Einkehr- und Begegnungsstätte Julius-Schniewind-Haus und die Mitglieder der evangelisch-freikirchlichen Baptistengemeinde Schönebeck, die ihre Gottesdienste in der ehemaligen Synagoge der Stadt feiert, so. Aus diesem Grund startete bereits im Dezember 2018 die ersten Planungen zu einer Aktions-Woche zum Thema „Jüdisches Leben in Schönebeck“.

Stolpersteine erinnern an Schicksale

Denn: Jüdische Bürger haben ihre Spuren in Schönebeck hinterlassen, wenn diese auch nicht jedem bewusst sind, der ungeachtet der kleinen goldenen Stolpersteine, die zur Erinnerung an das Schicksal jüdischer Bürger aus Schönebeck verlegt wurden, durch die Stadt läuft.

Auf vier der insgesamt 79 Stolpersteine in Schönebeck ist der Nachname Lübschütz zu lesen. Auch der Kreisverkehr, der die August-Bebel-Straße mit der Friedrichstraße und der Boeltzigstraße verbindet, trägt den Namen Lübschütz. Doch dazu im Verlauf der Serie mehr.

Es wir Zeit, diese (Stolperstein-)Spuren - und seien sie auch noch so klein - in Erinnerung zu rufen und zu beleuchten.

Zeichen setzen gegen Antisemitismus

Und genau aus diesem Grund auch mit Blick auf die abscheuliche Tat von Halle, der zwar keine Juden, aber zwei unbeteiligte Bürger zum Opfer gefallen sind, ist es an der Zeit auf die Spuren jüdischen Lebens in Schönebeck aufmerksam zu machen, um ein Zeichen zu setzen: Ein Zeichen gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus, wie es sich die Initiatoren der Aktions-Woche zum Ziel gesetzt haben.

Das Programm zur Aktionswoche im Überblick.