Barby l „Wollen wir den Brief jetzt wirklich aufmachen? Nach so langer Zeit?“, hadert Museumschef Axel Schäfer noch mit sich. Doch er muss: Hatte er die Öffnung doch zuvor in der Volksstimme angekündigt. Der Brief liegt mit anderen Post-Exponaten in einer Vitrine unter Glas. „Na gut, dann muss ich wohl mal den Öffner holen“, murrt Schäfer noch ein bisschen.

Um ihn herum stehen einige neugierige Besucher, die dem historischen Moment beiwohnen wollen. Denn dieser A5-Umschlag ist an das „Haus des ZK, Büro: Gen. Erich Honecker, Marx-Engels-Platz 6, Berlin 1020“ gerichtet. Neben einer 70-Pfennig-Marke - sie wirbt für den XI. Weltgewerkschaftskongress in Berlin 1986 - ziert ein Einschreiben-Aufkleber das Kuvert.

Der Stempel des Barbyer Postamtes weist als Aufgabetag den 10. Oktober 1986 aus. Absender ist Handwerksmeister Erwin Gaßler, der eine Vertragswerkstatt für Rundfunk, Fernsehen und elektronische Musikinstrumente in der Schulstraße 1 betreibt.

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Keine Frontscheiben lieferbar

Erwin Gaßler schreibt: „Seit fünf Wochen kann unser Kundendienstwagen Wartburg-Tourist nicht mehr benutzt werden, weil ein Ersatz der beschädigten Frontscheibe in absehbarer Zeit nicht möglich ist.“ Er zählt sechs Werkstätten auf, darunter die PGH Autodienst Schönebeck oder den VEB KfZ-Instandsetzung Magdeburg. Sogar an das Automobilwerk Eisenach, wo der „Wartburg“ hergestellt wurde, hatte Gaßler geschrieben. Unisono kam die Antwort: Frontscheiben sind in den nächsten drei bis fünf Monaten nicht lieferbar.

„Gegen diesen akuten Ersatzteilmangel erhebe ich hiermit Beschwerde“, grollt der Barbyer. Er fügt noch an, dass er 5000 Einwohner zu versorgen habe und 90 Prozent der Reparaturen im Hause der Kunden stattfinden. Schließlich kann ein Röhrenfernsehgerät schon mal einen Zentner schwer sein.

Grundlegendes Problem

Im Hause des Zentralkomitees wird die Posteingangsstelle täglich mit Eingaben wie dieser überhäuft. Vor allem seit Anfang der 1980er Jahre, als der Mangel immer mehr zunimmt.

So weit, so gut. Doch das Ominöse dieses Briefes ist von anderer Natur. Denn es stellen sich folgende Fragen: Warum war der Brief ungeöffnet? Wurde er überhaupt abgeschickt? Hat er demnach das ZK in Berlin erreicht? Hatte die Stasi die Hände im Spiel?

Der Poststempel vom 10. Oktober 1986 weist eindeutig aus, dass der Brief als Einschreiben in Barby aufgegeben wurde und normalerweise auf den Postweg gegangen sein müsste. Axel Schäfer fand ihn im Nachlass des Gaßler-Haushaltes, den ihm die Nachkommen übereignet hatten.

War es die Stasi?

Brigitte Ihlau arbeitete von 1958 bis 1994 bei der Post in Barby. Zuletzt hatte sie den Dienstrang eines Unterassistenten. Die Aufgabe des Einschreibens fiel in ihre Zeit. Sie wundert sich: „Wenn der Brief als Einschreiben bei uns aufgegeben wurde, ist er auch auf den Postweg gegangen!“ Da habe es kein Zurück gegeben. Allein deswegen, da Einschreiben mit einer laufenden Nummer-Marke versehen und extra notiert wurden.

Auch der Calbenser Philatelist und Postfachmann Joachim Zähle kann sich darauf keinen Reim machen. Dass die Stasi ihre Finger im Spiel gehabt haben könnte, kann er sich nicht vorstellen. Dafür sei der am 3. Oktober 2017 geöffnete Brief zu „jungfräulich“ gewesen. Soll heißen: scharfkantig gefaltet, keine Spuren einer „Dampf-Öffnung“.

Fazit: War der Beschwerde des Barbyer Handwerksmeisters Erwin Gaßler Erfolg beschieden? Er verstarb 2000, kann die Geschichte also nicht erhellen. Sein Sohn Ralph erinnert sich daran noch vage. Er arbeitete zu jenem Zeitpunkt als Meister in dem väterlichen Betrieb. „Ich glaube, mein Vater hat die Frontscheibe bald darauf bekommen“, sagt er.

Ende gut, alles gut. Doch das große Rätsel um den Gaßler-Brief bleibt.