Barby l In der Schulzenstraße schmiegen sich die Häuser dicht an dicht. Es ist typisches Altstadtgebiet, das von ruinösen Baulücken bisher verschont blieb. Hier stand einst das Schulzentor, wodurch man  die alte Stadt in Richtung Calbe verließ. In der Nähe heißt eine Straße Wallgraben. Der Name erinnert an die einstige Funktion: Vor der Stadtmauer sollte ein Wassergraben die Angreifer aufhalten. 

Apropos Stadtmauer. Ist ihr Verlauf vom Schloss bis zum Magdeburger Tor noch gut zu sehen, verschlucken Grundstücke und Hausgärten den Mauerzug ab dort. Vom NP-Supermarkt bis zur Augustusgabe ist sie quasi unsichtbar. Jedenfalls für die Öffentlichkeit. Doch wem es vergönnt ist, hinter die Kulissen zu gucken, sich auf den Grundstücken umzusehen, wird sie entdecken. 

Das größte Areal im Karree Schulzenstraße, Krumme Gasse und Wallstraße besitzt Heinrich Milker. Der 63-Jährige trägt in dritter Generation diesen Vornamen. Milkers Areal ist rund 4500 Quadratmeter groß und war einst Bauernhof. Nur aus der Luft werden die Ausmaße dieser grünen Insel inmitten der Altstadt sichtbar.

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Archaischer Wall

So ein archaischer Wall, den Generationen von Barbyern unter wesentlich schlechteren wirtschaftlichen Bedingungen als heute instand hielten, darf nicht verfallen.

Einen Rasenmäher braucht der Elektromeister nicht, weil diesen Job sein Federvieh übernimmt. Munter schnattert eine Brigade bildhübscher Höckergänse, Hühner und Enten zupfen am Grün. Wo sie es nicht dürfen, wächst Gemüse. 

Damals, als Großvater Heinrich (I.) noch selbständiger Landwirt war und Vater Heinrich (II.) den Hof in die LPG einbrachte, war es im Prinzip nicht anders. Die Scholle diente dem Broterwerb und trug zur Selbstversorgung bei. 

Mitten in der Stadt, wo angrenzende Grundstücke 300 Quadratmeter klein sind. 

Keinen Zaun zum Nachbarn

Seit altersher brauchen die Milkers zu einigen ihrer Nachbarn keinen Zaun. Dort steht die Stadtmauer seit Jahrhunderten. Wie auch am Elbwerder liegt das Altstadtgebiet höher als die Gärten hinter der Mauer. Die Stadt „wuchs“ im Laufe der Jahrhunderte, wurde aufgeschüttet. 

Heinrich Milkers mittelalterlicher „Zaun“ ist gut zwei Meter hoch und rund 110 Meter lang. Wie es so ist, bei alten Mauern, an denen unweigerlich Wurzelwerk, Wind und Wetter nagen, bröckelte es auch hier. Derweil die Stadtmauer im östlichen Teil von Barby Hochwasserschutzfunktion hat und für einige Millionen Euro saniert wurde, fristet der innerstädtische Wall ein Aschenputteldasein. Und hat deswegen keine Aussicht auf staatliche Finanzspritzen. Besonders marode sieht er hinter dem Supermarkt aus oder vor der Augustusgabe, wo jedes Jahr mehrere Steine ihre Mörtelfassung verlieren.

Als Heinrich Milker, der auch Stadtrat ist, vor Jahren mal vorsichtig bei seiner Stadtverwaltung anklopfte, winkte man dort müde ab. Für die innerstädtische Mauer sei kein Geld da. Wenn ein Grundbesitzer mit deren Instandhaltung überfordert ist, könne er sie ja „zurück bauen“. 

Was nichts anderes als Abriss heißt. 

Unvorstellbar.

Sanierung auf eigene Kosten

Doch das ging Milker gegen den Strich. Er ließ sie auf eigene Kosten sanieren, 110 Meter lang, gut zwei Meter hoch. Schließlich könne man doch so einen archaischen Wall, den Generationen von Barbyern unter wesentlich schlechteren wirtschaftlichen Bedingungen als heute instand hielten, nicht verfallen lassen! Auch seine Gegenüber-Nachbarn sahen das so. Bei denen ist die Mauer noch einen Meter höher, weil das Terrain tiefer liegt. 

Wenn Barby-Besucher vor schön sanierten Hausfassaden, vor Kirchen und Wachtürmen in Entzückung geraten, bleibt die innerstädtische Stadtmauer ihren Blicken verborgen. 

Wenn die Stadt, dieses schwindsüchtige Gemeinwesen, schon keine Euros dafür über hat, sollte sie den Mauerheilern dankbar sein. 

Wenigstens moralisch.