Schönebeck l Als Juri Lustig am Mittwochvormittag auf seinen Reiterhof an der Schönebecker Chausseestraße kam, tropfte Blut von den Beinen des Wallach Nepomuk. „Das Pferd war wie versteinert hinterm Zaun und stand in einer roten Pfütze aus Blut“, erzählt der 57-jährige Schönebecker traurig. Die Innenseite der Schenkel und der Unterleib von „Nepo“ waren offensichtlich aufgerissen. Der Tierarzt musste die Wunden versorgen und nähen und gab dem Pferd Schmerzmittel. Noch bei der Fütterung am frühen Morgen sei das Pferd wohlauf gewesen.

Über die mögliche Ursache der Verletzungen habe sich der Veterinär nur zurückhaltend geäußert. Vielleicht war das Pferd irgendwo hängengeblieben? Doch für den Besitzer des Stalls steht fest: „Ein Wolf hat das Pferd angegriffenen.“ Demnach hatte ein Bekannter von Juri Lustig nach eigenen Angaben bereits in der Vergangenheit mehrfach einen Wolf in der Nähe des 7500 Quadratmeter großen Reiterhofes gesehen. Und am Wochenende war seine zweijährige Bernersennen-Hündin Lina mit eingekniffenem Schwanz aus dem Gebüsch herausgekommen. War sie dem Wolf begegnet?

Ein Wolf im Süden von Schönebeck?

Für Juri Lustig steht daher fest, dass ein Wolf südwestlich von Schönebeck sein Unwesen treibt. Einige Anwohner sollen bereits von einem Rudel vom Frohser Berg sprechen. Doch bestätigt ist das bisher nicht, das sich im Süden von Schönebeck Wölfe angesiedelt haben. Bisher wurden nur einzelne Tiere in Ostelbien gesichtet.

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Auch die Experten vom Wolfskompetenzzentrum in Iden im Landkreis Stendal konnten sich bisher noch kein Bild vom Angriff auf das Pferd machen. Denn Juri Lustig hat ihnen den Angriff nicht gemeldet. Werden die Wolfsexperten innerhalb eines Tages gerufen, können sie einen DNA-Test an dem verletzten oder getöteten Tier vornehmen – und dabei feststellen, ob es sich bei dem Angreifer um einen Hund oder um einen Wolf handelt.

Auch die Herkunft und die möglichen Wanderbewegungen des Raubtieres können die Wolfsexperten anhand von DNA-Proben ermitteln. Im Falle des verletzten Pferdes konnte jedoch keine Proben mehr für eine Bestimmung des Angreifers genommen werden.

Pferde werden allerdings nur in absoluten Ausnahmefällen von Wölfen angegriffen. In den vergangenen zehn Jahren wurden in Sachsen-Anhalt laut Statistiken des Wolfskompetenzzentrums nur zwei Angriffe auf Pferde meldet – bei insgesamt 761 Übergriffen von Wölfen auf Nutztieren. In den meisten Fällen handelte es sich bei den getöteten Tieren um Schafe und Rinder. „Wir wollen nicht spekulieren, warum Wölfe kaum Pferde angreifen. Wir stellen aber fest, dass es so ist“, sagte Andreas Berbig, Leiter des Kompetenzzentrums.

Die Statistiken beruhigen Juri Lustig allerdings auch nicht. „Ich mache mir natürlich Sorgen um die Tiere und sperre sie jetzt in der Nacht in ihre Boxen“, sagt er. Ob das etwas hilft, ist ungewiss. Schließlich fand der jüngste Angriff auch am helllichten Tage statt. Außerdem hatte der Angriff bereits Einfluss auf den Betrieb des Reiterhofes. Eines der jungen Mädchen, das bei Juri Lustig reitet, hatte schon Alpträume mit einem Wolf. „Um mich mache ich mir keine Sorgen, aber um die Kinder, die hier reiten, schon“, sagt er. Wenn ein Wolf eines der Pferde scheu macht und das Reittier dann eines der Kinder abwirft, könnte das schlimme Verletzungen nach sich ziehen.

Fünf der sieben Pferde in Juri Lustigs Stall gehören ihm, die anderen beiden Tiere sind eingemietet. Auch der 18-jährige Wallach Nepomuk gehört der Familie eines jungen Mädchens. Beide haben in der Vergangenheit erfolgreich an Turnieren im Salzlandkreis teilgenommen und sogar gewonnen, darunter Hindernisrennen und Dressur.

Doch Wallach Nepomuk wird nach seiner Verletzung wohl keine Turniere mehr bestreiten können. Vielmehr sei sogar unklar, ob er überhaupt wieder richtig gesund wird und durchkomme, befürchtet Juri Lustig. Denn weil der Unterleib des Pferdes verletzt wurde, kann das Tier nicht mehr richtig Wasser lassen. Teile des Urins sammeln sich inzwischen im Bauch. Wie es mit der Behandlung weitergeht, steht noch nicht fest. Die Eigentümer des Pferdes seien wegen des Angriffs ziemlich geschockt, so Juri Lustig.

Auch Juri Lustig hat den Vorfall noch nicht richtig verarbeitet. „Ich fühle mich immer noch wie gelähmt“, sagt der Betreiber des Reiterhofes, der hauptberuflich Verkaufsfahrräder herstellt. Im ersten Augenblick hatte er nicht daran gedacht, die Wolfsexperten für eine DNA-Probe anzufordern. Der Bau eines Schutzzauns könnte teuer werden. Eine finanzielle Förderung vom Land für einen solchen Schutz gibt es für Pferde nur dann, wenn sie in einer Herde mit Fohlen leben. Das bestätigt auch Wolfsexperte Andreas Berbig.

Die Polizei konnte Juri Lustig auch nicht helfen. „Die Beamten haben mir gesagt, dass sie nicht zuständig sind. Außerdem ist der Wolf geschützt“, sagt er. Dieselbe Antwort hat er nach eigenen Angaben auch von einem Jäger erhalten. „Ich fühle mich mit dem Wolf allein gelassen“, sagt Juri Lustig ratlos. Ob es sich bei dem Angreifer jedoch wirklich um einen Wolf gehandelt hat, können nun nicht einmal mehr die Experten des Wolfskompetenzzentrums in Iden klären. Denn DNA-Proben halten sich nur etwa 24 Stunden.

Füchsin Capper tödlich verletzt

Allerdings handelt es sich bei dem Angriff auf das Pferd nicht um die erste Attacke auf ein Tier in der Schönebecker Chaussee Straße in diesem Jahr. Bereits im Frühjahr kam zu einem ähnlich mysteriösen Vorfall im Heimattiergarten Bierer Berg. Dabei wurde die bei Besuchern beliebte Füchsin Capper vermutlich von einem unbekannten Tier schwer an der Pfote verletzt. Und das, obwohl sich die Fuchsdame in ihrem Gehege befand. Offenbar war sie mit dem Angreifer am Zaun aneinander geraten. Die Wunde an ihrer Pfote war so schwerwiegend, dass die Füchsin einige Tage später eingeschläfert werden musste.

Wolfskompetenzzentrum Iden, Lindenstraße 18, 39606 Iden, Tel.: 039390 64 81