Schönebeck l Es muss nicht gleich Vermeer in Braunschweig, Klinger in Leipzig oder Caravaggio in Dresden sein: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Schöne doch so nah liegt? Denn man kann getrost in Schönebeck an der Elbe bleiben, um durchaus großartige Werke der Bildenden Kunst zu betrachten. Schon Oscar Wilde stellte treffend fest: „Wer in schönen Dingen einen hässlichen Sinn entdeckt, ist verdorben, ohne reizend zu sein. Wer aber in schönen Dingen schöne Bedeutung findet, hat Kultur. Für ihn ist Hoffnung.“

Man muss hinzufügen, dass dies unabhängig vom Standort eines Museums oder Werkes und unabhängig vom jeweiligen Renommee eines Künstlers gilt: Einem Kuratorium mit Georg Plenikowski, Hans-Joachim Geffert, Hans-Günther Zick, Hans-Hermann Laube und Matthias Röhricht sowie vielen weiteren Helfern ist es in diesem Sinne gelungen, eine bemerkenswerte Ausstellung in den Räumen des Industriemuseums zu gestalten, welche die wesentlichen Künstler unserer Stadt und Region mit ausgewählten Werken in vier Räumen versammelt.

Einige Stücke sind Dauerleihgaben

Was hier in der „Künstlerstadt Schönebeck“ zu sehen ist, ist gemalte, gezeichnete und modellierte Hochkultur und alles andere als provinziell. Eine solche dauerhafte Zusammenschau darf als einzigartig betrachtet werden und will individuell entdeckt werden. Die meisten Gemälde sind erworben worden, einige Stücke Dauerleihgaben. Die Ausstellungsräume befinden sich direkt neben der Werkschau des verdienstvollen blinden Bildhauers Dario Malkowski.

Der eindrucksvolle Reigen der Werke zieht sich durch Epochen, durch Kunststile, durch Maltechniken, durch Motive und Themen sowie durch künstlerische Genres. Landschaften und Stadtansichten sind ebenso zu sehen wie Porträts oder Stillleben, Abstraktes wechselt mit Gegenständlichem, Sinnliches mit Technischem und Opulentes mit Schlichtem. Die Werke bewegen, erfreuen, erheitern, erinnern oder stimmen nachdenklich. Das frühe Selbstporträt des großen Werner Tübke zum Beispiel mischt diese Nachdenklichkeit in den von Ernsthaftigkeit geprägten Künstlerblick des kritischen Beobachters. Auch die Schönebecker Vertreterinnen des Expressionismus, Annemarie und Katharina Heise, sind mit kleineren Graphit-Arbeiten vertreten. Einen gelungen gezeichneten Akt nebst einer ebensolchen Skulptur steuert der Schönebecker Martin Wetzel bei, der später eine Professur an der Burg Giebichenstein in Halle innehatte. Heinrich Huke Senior und Junior findet man mit intimeren Arbeiten in der Ausstellung: Den Älteren mit einem Porträt des aus dem Kriege Zurückkehrenden, den Jüngeren mit einer farbenprächtigen Gartenlandschaft.

Klaus Gumpert versteht sich nicht nur auf musikalische, sondern auch auf Farbkompositionen und steuerte eine solche als abstrakten „Goldenen Schnitt“ bei. Der junge und begabte Jan Focke malte eine Telefondose, deren verrostete Schrauben man herausdrehen zu können vermeint, als verblüffendes Sinnbild der Vergänglichkeit und gleichzeitige Anregung zur Suche nach dem Ästhetischen im schnöden Alltag. Der ebenso talentierte Sebastian Herzau zeigt das Porträt „The great below“ eines jungen Mannes und meint vielleicht das Gesicht, welches sich „unter“ dem Schleier befindet, welcher einen gewissen Schutz vor dem Betrachter darstellen soll. Ein Plädoyer für mehr Aufmerksamkeit für das Verborgene? Ein märchenhaftes Feuerwerk der blauen Farbtöne schuf indessen Eva-Maria Heseler mit ihren „Karussellpferden um Mitternacht“. Dieses Bild ist von wuchtiger Fantasie und einnehmendem Zauber.

Salzverschiffung und Salzglockenabbau

Vom Nestor der Schönebecker Künstler, dem großartigen Christof Grüger, stammen zwei exzellente Entwürfe für die Fenster des Treppenaufgangs im Salzlandmuseum, welche unsere Salzgeschichte zitieren: Die Salzverschiffung und den Salzglockenabbau. Sie konnten nie realisiert werden. Aber man sollte ja nie nie sagen. Eberhard Frank steuert die Elbefigur des Rathauspreises und weitere Plastiken sowie ein Aquarell bei und Hans Both aus Calbe vertieft mit feinstrichigen Farblithografien von Stadtansichten die Bindung der Schönebecker zu ihrer Heimatstadt. Markus Laube schuf die bemerkenswerte Radierung „Ohne Titel“, die wohl eine Kopfweide darstellt – ein immer wieder dankbares Landschaftsmotiv. Mit einem schlichten Fineliner hat Monika Knopf Musik in einen Baum gezaubert. Matthias Röhricht und Agnes Schulz zeigen mit „Venedig“ und „Schrottstudie“ interessante Fotografiken, wobei das eingeschobene „K“ hier für bildtechnische Verfremdungen steht, welche die Wirkung des Bildgegenstands künstlerisch verstärken. Ungeschminkte Sozialfotografie dagegen ist von Thomas Linßner zu sehen. Bärbel Feldbach, deren nach blindwütiger Zerstörung neu geschaffener Tolbergkopf in Kürze den Kurpark zieren wird, hat einen keramischen Großleuchter beigesteuert und Günter Zenker ein Landschaftsaquarell.

Der Linolschnitt „Pause am Ofen“ von Albert Otto Langerbeck erinnert an Frans Masereel und der Holzschnitt „Selbstporträt“ vor einer Entblößten von Hans Oldenburger ein wenig an HAP Grieshaber. Nicht aus der Schönebecker Kunstlandschaft wegzudenken sind Regina Müller und Gudrun Edner, die Erstere ist hier mit einem „Bodden bei Ahrenshoop“, die Zweite mit einem stark an Chagall erinnernden, lustvollen „Sommergartentraum“ präsent. Auch Dieter Schüler ist dabei, der sich um Schönebecker Stadtansichten verdient gemacht hat – hier die Jakobikirche. In diesem Zuge darf auch Fredi Wünsche nicht unerwähnt bleiben, dessen Blick auf Bad Salzelmen zwar jedermann kennt, der aber hier sozusagen verewigt ist.

Die Restauratorin Anna Maria Meussling indessen, die das kostbare Gesicht „Tübke“ auffrischte, wird uns schließlich plakativ mit ihrem verdienstvollen Wirken im Interesse der Kunst vorgestellt. Und übrigens: Schönebecker Bier spiegelt sich gleich zweimal in der Ausstellung: Einmal sieht man die alte Brauerei in einer schönen Gesamtansicht festgehalten und ein anderes, mit „Feierabend“ unterschriebenes Werk zeigt den Mann, der das Produkt dann auch konsumiert. Dies alles waren nur Beispiele. Die „Künstlerstadt“ im Hause iMUSEt hat weit mehr zu bieten, darunter Namen wie Kraatz, Punken, Löwigt, Ladewig, Hölger, Hamann, Hintze, Köhler und Krüger. Alles sehenswert auf ihre eigene „Art“ und Daherkommensweise. Jeder wird sicher sein Lieblingsbild entdecken. Die Ausstellung ist immer sonnabends und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Doppelsinnig könnte man resümieren: Das bleibt (alles) hängen!